Der Lebensfaden

 

Wer ist verantwortlich für unser Schicksal? Haben wir es selbst in der Hand,
unser Leben zu formen und es zur Vollendung zu bringen, oder gibt es geheim-
nisvolle Mächte, die unser Dasein bestimmen und von denen Länge oder Kürze,
Glück oder Unglück, Gelingen oder Misslingen abhängen?

Gemeinhin wollen wir es heute „machen“, dass etwas geschieht oder auch nicht
geschieht.

Vermutlich wird niemand den Eindruck haben, er selbst sei in absoluter Freiheit
„seines Glückes Schmied“. Es gibt einfach zu viele Faktoren, die unser Leben
bestimmen, ohne dass wir sie frei wählen können. Wir haben uns unsere Eltern
nicht ausgesucht, nicht die Zeit unserer Geburt, nicht die Sprache und Kultur, in
die wir hineinwachsen, nicht unsere Eigenschaften und Talente. Alles finden wir
erst einmal vor, dankbar oder unzufrieden, freudig überrascht oder heimlich grollend.

 

Die Frau mit der Spindel

Wahrscheinlich haben die Menschen zu allen Zeiten darüber nachgedacht, wer die
Lebensschicksale bestimmt, wer die Lose verteilt. In der griechischen Antike machten
die Mythen ein bildhaft-symbolisches Angebot, das anscheinend von den Menschen
als sinnvolle Lösung angesehen wurde. Demnach gibt es drei Schicksalsgöttinnen, die
Moiren, die man sich als Spinnerinnen vorstellte. Sie spinnen den neugeborenen
Menschen ihren Lebensfaden zu und dieser bestimmt ihr künftiges Schicksal. Klotho
war die Frau mit der Spindel, Lachesis teilte dem Menschen sein Lebenslos zu, Atropos
schnitt schließlich mit ihrer Schere den Faden ab und bestimmte damit das Todesdatum.
Man dachte sich die Moiren als so mächtige weibliche Gottheiten, dass selbst Zeus gegen
ihren Spruch nicht ankam. Bei den Römern hatten diese Wesen den Namen Parzen.

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Aber auch die Germanen hatten eine vergleichbare Vorstellung: Bei ihnen saßen die
Nornen an der Quelle Urd, am Ursprung allen Werdens, und webten das Netz des
Schicksals. Nach diesen Vorstellungen reißt der Lebensfaden also nicht irgendwann,
die Länge des Fadens wird vielmehr von einer Schicksalsmacht festgelegt.

Der Theologe und Religionsphilosoph Romano Guardini war überzeugt, dass die
„Fadensymbolik“ die Rätselhaftigkeit menschlicher Existenz verstehbar machen kann.
Er weist darauf hin, dass die Gestalt des Fadens eine tiefe Schicht enthält. Guardini
sagt: „Sie zeigt sich, wenn ich vom ‚Lebensfaden‘ spreche. Diese Redeweise bildet einen
Überrest aus einem umfassenden Zusammenhang, nämlich dem Mythos der Nornen.
Er sieht das Leben unter dem Bild des Fadens, den die Schicksalsfrauen anspinnen,
fortführen und endlich durchschneiden. Dadurch erscheint das Leben als etwas, das
von unbekannten Mächten begonnen und fortgesetzt wird; von dem man immer nur
sieht, was ist, und nicht, was kommt; das glatt sein, aber auch Knoten haben und sich
verwirren kann; das schwach ist, von der Zerreißung bedroht, und doch viele Anspan-
nungen aushält; das schließlich von den gleichen Mächten, die es begonnen haben,
auch zum Ende gebracht wird. Durch dieses Bild wird das Dasein gedeutet.“

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Viele Vorstellungen der alten Mythen sind in die Märchentradition eingegangen und
haben sich so in verwandelter Weise erhalten. Aus den Moiren sind jetzt Feen geworden
oder „weise Frauen“, aber auch sie haben die Kraft, dem neugeborenen Kind gute Gaben
zu spenden oder ihm Hindernisse in den Weg zu legen. Im Märchen von „Dornröschen“
sind es gleich dreizehn Frauen. Weil eine nicht zum Fest eingeladen wird, spricht sie einen
Fluch aus, eine Verwünschung. Hundert Jahre wird das Mädchen schlafen, bis es wieder
zum Leben erweckt werden kann. Und auch hier geht es um ein Spinnrad: An ihm entscheidet
sich das Schicksal des Mädchens.

Im Märchen „Spindel, Weberschiffchen und Nadel“ sind es gerade die verschiedenen Hand-
werksutensilien des armen Mädchens, die ihm zu einem Bräutigam verhelfen. Der Königssohn
sucht eine Braut, sie soll die Ärmste und die Reichste sein. Und nun schickt das Mädchen
Spindel, Schiffchen und Nadel aus, die tatsächlich den Freier in ihr Haus führen. Sie erfüllen
als magische Hilfsmittel diese Aufgabe, und der Prinz findet seine ärmste und reichste Braut.
Es mag sein, dass dieses Märchen sagen will: Wer fleißig die Hände rührt und am Spinnrocken
und Webstuhl sitzt, also das ungeformte Rohmaterial in eine schöne Form bringt, der eignet
sich auch, die Frau des Prinzen zu werden und größere Aufgaben zu lösen. Aber der Faden,
der hier gesponnen wird, deutet natürlich auch auf den Faden, der Menschen verbindet und
sie gleichsam zusammenhält.

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Im Labyrinth des Minotaurus

In der griechischen Mythologie gibt es noch einen anderen, besonderen Faden. Ariadne,
die Tochter des Königs Minos von Kreta steht dem athenischen Königssohn Theseus bei,
der sich im Labyrinth des Minotauros dem gefürchteten Mischwesen aus Mensch und Stier
stellt. Sie gibt ihm ein Garnknäuel, das er abrollen soll, wenn er ins Labyrinth hineingeht.
Auf dem Rückweg muss er nur dem Rettungsfaden folgen, der auch Verbindung hält zu der,
die an seiner Rettung interessiert ist. Wer ins Dunkel hinuntersteigt, braucht einen sicheren
Schutz, um den Weg nicht zu verlieren, so wie der Bergsteiger in der steilen Felswand durch
ein Seil abgesichert sein muss.

Auch in den Volksmärchen taucht das Motiv des rettenden Fadens häufiger auf. Einige
russische Geschichten erzählen, dass der Held in die „Anderswelt“ geschickt wird, um
magische Gaben zu holen. Weil er den Weg nicht weiß, wird ihm ein Garnknäuel gegeben,
das vor ihm her rollt und ihm den Weg weist.

Was ist das für eine seltsame Gabe, dieses Knäuel? Es wird von außen gegeben, aber vielleicht
meint es auch eine „innere“ Gabe, die Fähigkeit, selbst die rettende Chance zu erkennen und
die richtige Entscheidung zu treffen. Jeder Mensch hat eine geheimnisvolle Mitte, ein „Selbst“,
das dazu beitragen soll, dass er Schritt für Schritt mündig wird. Wir bedürfen aber einer
„weckenden Begegnung“: Es muss uns jemand den nötigen Anstoß geben, damit wir diese
unsere verborgene Kraft überhaupt erkennen. Lange werden wir von außen geleitet, aber
irgendwann spüren wir die Notwendigkeit, die eigene Wahrheit zu entdecken und das eigene
Schicksal in die Hand zu nehmen. Tief im Unbewussten mag diese Kraft ruhen, und dann
spüren wir, dass es Zeit wird, dem ureigenen „roten“ Faden zu folgen.

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Nach unten steigen

Der Faden ist ein wichtiges Symbol für unser Leben, für den Verlauf unseres Schicksals. Keiner
hat seinen Lebensfaden selbst gesponnen, aber von jedem wird erwartet, dass er erkennt, welche
Möglichkeiten mit seinem Faden verbunden sind. Der Faden weist auf die „Reise“ hin, die mit
jedem Menschenleben verbunden ist. Der Mensch soll sich nicht als Spielball anonymer Mächte
verstehen, der alles mit sich geschehen lässt. Er soll vielmehr eingreifen und das Rohmaterial
seiner Mitgift auf unverwechselbare Weise Gestalt werden lassen. Diese Wanderung führt in
unbekannte Bereiche und vielleicht auch in abenteuerliche Gefahren. Die Märchen bringen
unzählige Beispiele dieser Wanderung. Was suchen wir eigentlich? Ein großes Ziel, unser
wahres Selbst, das umfassend Große, den wahren Sinn unseres Daseins?

In dem Grimm’schen Märchen „Die drei Federn“ möchte ein Vater herausfinden, wer von
seinen drei Söhnen am geeignetsten ist, das Erbe anzutreten und es verantwortlich zu verwal-
ten. Er schickt nun seine Söhne aus. Wer ihm den schönsten Teppich bringt, soll der Erbe sein.
Der Jüngste, der als Dummling verlacht wird und von dem nichts Rechtes zu erwarten ist, kommt
zu einer Falltür und steigt in die Tiefe. Dort trifft er auf eine dicke „Itsche“, eine unansehnliche
Kröte, und trägt ihr sein Anliegen vor. Eine junge Itsche wird beauftragt, eine große Schachtel
zu holen. In ihr findet sich ein Teppich, „so schön und so fein, wie oben auf der Erde keiner
konnte gewebt werden“.

Ein Teppich ist ein kompliziertes Webstück, aus vielen bunten Fäden zusammengeknüpft, so
dass sich ein reizvolles Muster, eine wunderbare Ordnung ergibt. In gewisser Weise ist der
Teppich ein Symbol für eine große, geordnete Ganzheit. Oft haben die Teppiche den Charakter
eines Mandalas, die Darstellung des ganzen Kosmos in seiner Vielfalt und polaren Spannung.
In unserer Geschichte wird nun ausgerechnet dem Dummling, dem Versager und Träumer,
zugetraut, das Erbe eines Reiches anzutreten. Es wird ihm ein zukunftsweisendes Angebot
gemacht. Der Teppich ist gleichsam die Musterkarte für das Kommende, das verwirklicht
werden soll: ein Vorentwurf, der zur Orientierung dienen kann. Es ist sicher kein Zufall,
dass der junge Mann hinuntersteigen muss, in einen dunklen Bereich, in dem offenbar andere
Kriterien herrschen als oben. Er muss „unten“ gewesen sein, um eine neue Perspektive für
„oben“ zu gewinnen.

Kein Mensch ist nur ein isolierter Einzelner, immer sind wir mit anderen verbunden und
auf andere angewiesen. Vielleicht verknüpfen sich ja auch unsere Lebensfäden und halten
sich gegenseitig. In einer griechischen Sage wird erzählt, dass die Moiren bei der Geburt
eines Kaisersohnes ihm nur einen Lebensfaden von 27 Jahren zuteilten. Als der Prinz seine
Braut auf einem Schiff in die Heimat geleitet, ist gerade sein 27. Geburtstag. Plötzlich erhebt
sich ein furchtbarer Sturm, eine Welle packt ihn und reißt ihn in die Tiefe. Die Braut wirft
sich auf die Knie und fleht die Moiren an, ihr nicht den Mann wegzunehmen, bevor sie
überhaupt zusammengelebt haben. Da erscheint eine der Moiren und fragt die junge Frau:
„Bist du bereit, die Hälfte deines Lebensfadens herzugeben?“ Als sie das bejaht, kommt der
Kaisersohn wieder zum Vorschein und wird gerettet, so dass die Hochzeit gefeiert werden
kann. Aber die Geschichte erzählt auch, dass die beiden kein langes Leben führen konnten
und noch am selben Tag starben.

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In dieser Sage wird auf wunderbare Weise angedeutet, dass wir immer auf Kosten anderer
leben, dass einer dem anderen Anteil gibt an seiner Lebenszeit und Lebenskraft. „Kein Mensch
lebt für sich allein“, heißt es in der Heiligen Schrift. Erst dann wird unser Dasein sinnvoll,
wenn einer für den anderen eintreten und sich auf den anderen verlassen kann, ja sogar
zu einem Opfer bereit ist.

 

Der „gewebte“ irdische Leib

Im apokryphen, nichtbiblischen „Protoevangelium des Jakobus“ gibt es eine seltsame Stelle,
die deshalb bedeutsam ist, weil sie zur Legendenbildung geführt und sich bis in die bildende
Kunst ausgewirkt hat. Die Priester des Tempels von Jerusalem wollen einen neuen Vorhang
für den Tempel des Herrn anfertigen lassen. Unter den sieben untadeligen Jungfrauen aus
dem Hause David befindet sich auch Maria. Ihr wird die Aufgabe gestellt, das Purpur- und
das Scharlachfarbige zu spinnen. Als sie gerade dabei ist, die Fäden des Purpurs zu ziehen,
kommt der Engel der Verkündigung zu ihr, um ihr die Botschaft zu bringen, sie solle die
Mutter des Messias werden. Nun wird sie also nicht nur den Vorhangteppich weben, der
das Allerheiligste des Tempels verhüllt. Sie ist ausersehen, dem Sohn des Höchsten in ihrem
Schoß einen irdischen Leib zu „weben“. Wenn es im Matthäusevangelium heißt, dass beim
Tod Jesu der Vorhang des Tempels mitten entzweiriss, dann ist – im Sinne des apokryphen
Jakobusevangeliums – zur selben Zeit nicht nur das Tempelgewebe Mariens zerstört worden,
sondern auch der von ihr geborene Jesus gestorben.

Das Passwort der Geburt

Von hier aus wird verständlich, dass bei vielen Darstellungen der Verkündigung an Maria
(vor allem bei den russischen Ikonen) Maria mit der Spindel abgebildet wird: Es ist der
doppelte Vorgang des Spinnens und der Bereitung des irdischen Leibes Jesu gemeint.
Merkwürdig, wie vielgestaltig das Bild des Fadens uns begleitet und zum Verständnis
des menschlichen Daseins beiträgt. Einerseits sagt es uns, dass unser Leben durch viele
Faktoren vorherbestimmt ist, andrerseits aber kommt es wieder darauf an, die Chancen
zu erkennen, die mit dem konkreten „Fadengeflecht“ verbunden sind. Wir sind nicht
Marionetten in der Hand eines uns unbekannten göttlichen Spielers, sondern zum
Mitspielen aufgefordert.

Heute sprechen wir nicht mehr von der Macht der Moiren oder der Parzen, wir haben
andere Namen und Begriffe gefunden. Da ist von der DNS-Struktur die Rede, von der
genetischen Bestimmung jedes Menschenlebens, oder wir besinnen uns auf die Wirkungen
des Milieus, auf die prägenden Faktoren einer Kultur, der Sprache und vieler anderer Ein-
flüsse. Und trotzdem hat jeder von uns seine unverwechselbare Geschichte, kann – wenigstens
spurenhaft – die Einwirkungen auf sein Leben nachvollziehen und den „Spielraum“ seiner
Freiheit bestimmen. Und im Gewirr so vieler Fäden den ureigenen „roten“ Faden zu entdecken,
ist schon ein Glücksgefühl, das auch mit der Entdeckung des eigenen Namens zu tun hat.

Am 1. August 1964 schrieb Romano Guardini in sein Tagebuch: „Heute Nacht, aber es war
wohl morgens, wenn die Träume kommen, da kam auch zu mir einer. Was darin geschah,
weiß ich nicht mehr, aber es wurde etwas gesagt, ob zu mir oder von mir selbst, auch das
weiß ich nicht mehr. – Es wurde also gesagt, wenn ein Mensch geboren wird, wird ihm ein
Wort mitgegeben, und es war wichtig, was gemeint war: nicht nur eine Veranlagung,
sondern ein Wort. Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie das Passwort
zu allem, was dann geschieht. Es ist Kraft und Schwäche zugleich. Es ist Auftrag und Ver-
heißung. Es ist Schutz und Gefährdung. Alles, was dann im Gang der Jahre geschieht, ist
Auswirkung dieses Wortes, ist Erläuterung und Erfüllung. Und es kommt alles darauf an,
dass der, dem es zugesprochen wird – jeder Mensch, denn jedem wird eins zugesprochen –
es versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt. Und vielleicht wird dieses Wort die
Unterlage sein zu dem, was der Richter einmal zu ihm sprechen wird.“ Ich frage mich,
ob dieses „Passwort“ nicht etwas zu tun hat mit unseren Lebensfäden.

Wenn mir ein Wort zugesprochen wird, dann ist es kein blindes Schicksal mehr, sondern
von der Weisheit und der Liebe eines Vaters und einer Mutter und fürsorglicher Brüder
und Schwestern zugesprochen. „Lass dich in Frage stellen“ wäre mein Passwort.

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