Das Heimbringen der Lebensgeschichte

 

Sobald wir beginnen, daran zu glauben, dass die Lebensgeschichte heimgebracht werden kann,
entwickelt sich der Erzähler/Autor (und sein Leben) in drei Schritten:

  Er sieht sich einem Bild seiner selbst gegenüber gestellt, das größer ist als er glaubte.
Das Ganze des Lebens (Leben UND Tod, Himmel UND Erde, Anfang UND Ende,
tun UND ruhen), mit dem ganzen Herzen ange­schaut, hat die Kraft, Licht auf das
existierende Bild von sich selbst zu werfen.

  Er entfaltet die Kraft, nicht nur sein Denken, sondern auch sein Tun zu ver­wan­deln:
Zustimmung zur Welt, Gnade vor Recht erweisen, Angezogen­sein vom Guten, Wahren
und Schönen. (Er lässt die Ablehnung der Welt, wie sie durch Scham-, Schuld- und
Angstgefühle aufsteigt, links liegen. Schließt nicht die Augen davor, ist aber nicht mehr
fasziniert vom Abgelehnten.)

  Er zieht Trost und tiefe Heilung aus der ganzen Geschichte, denn sie „richtet“ ihn
und sein Leben. Kein „Jüngstes Gericht“ im Sinne einer politischen Angstmache,
sondern in dem Sinn, dass er vollständig wieder hergestellt wird: das Göttliche Kind
wird »in ihm« geboren.

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Die Lebensgeschichte heimzubringen, ist damit verbunden, sie im „Buch des Lebens“
wieder zu finden: »Sogar deine Geschichte ist aufgezeichnet im Buch des Lebens«, könnte
man heute zu fast jedem Menschen sagen, weil heute fast jeder zu einem meta­physisch
Obdach- und Ahnungslosen (und also ganz und gar Ungläubigen) geworden ist. Wir alle
laufen mehr oder weniger unstet und flüchtig im Kreis. »Sogar deine Geschichte ist aufge-
zeichnet im Buch des Lebens« kann ich auch jetzt sagen, zu jemandem in meiner Erinne-
rung nämlich, dem ich es damals nicht sagen konnte. Und es wird dieselben guten Wir-
kungen haben.

Was kann diese Redewendung vom Buch des Lebens heute bedeuten, in einer Zeit, die sich
als entzaubert und nach­metaphysisch deklariert und empfindet? Die permanent sagt, „ich
habe nichts zu verzollen“? Ich lebe und mir geht es gut, sagt man, hier in Deutsch­land und in
Europa bezieht sich das auf einen relativ weit verbreiteten äußeren Wohl­stand: Kaum jemand
friert, hungert, dürstet. (Und wenn, ist es gut versteckt.) Und für so gut wie alle ist dies ganz
selbst­verständlich – es bewegt ihr Herz nicht zu staunen, oder zu danken, oder zu teilen.
(Das meint der seltsame Ausdruck „nichts zu verzollen“.)

Kann man diesen Ausdruck „Buch des Lebens“ heute noch verwenden?

Ich glaube, er bedeutet, dass die Geschichten aller Menschen eingeschrieben sind in das
Kraftfeld (oder in die Erinnerung) der Lebenden. Das beginnt konkret bei der Erinnerung
an Eltern und Großeltern, an Onkel und Tanten, soweit die Erinnerung eben reicht. Das geht
weiter zu den Geschichten, die man hörte, von Menschen, die der Erzähler kannte, bis hin zu
den Geschichten, die schon zum „Hörensagen“ gehören. Und noch weiter zu den Geschichten,
die zur Überlieferung einer Gruppe, eines Stamms, eines Volks gehören. Sagen, Märchen,
Mythen, bis hin zur Geschichte von Gilgamesch, die im Jahr 3000 v. Chr. aufgezeichnet wurde,
und (jedenfalls für uns im Westen) als älteste, schriftlich erhaltene Erzählung gilt. Doch wir
dürfen wohl annehmen, dass Menschen sich schon lange vorher Geschichten erzählten, und
immer bis ins Mark beeindruckt wurden – was sich eben auch bei uns Modernen noch
„im Inneren“ zeigt.

Das „Buch des Lebens“ ist der metaphysische Ort (obwohl er eine physische Reprä­sen­tanz in
den Zellen aller Lebenden besitzt, die sich jedoch nicht an einem Ort versammelt haben, sondern
verstreut in der ganzen Welt präsent sind), auf den sich jeder Geschich­ten­erzähler berufen kann.
Das Buch des Lebens ist ein unbewusstes Dokument: Wenn ich sage, dass dort auch die Geschichte
meiner Mutter und meines Vaters eingeschrieben ist, dann meine ich ja, dass ihre Geschichte dort
erhellt und aufgeklärt zu lesen ist. Hier  erscheinen kann diese Geschichte nur, wenn sie einen leben-
digen und liebenden Autor findet. Aber gegeben wird sie ihm von dort – „ein Strom geht aus von Eden“.

Das Heimbringen der Lebensgeschichte ist also ein sich Hinbegeben zu ihren Ursprüngen. Es ist
ein sich Hingeben an und in den Strom des Lebens. Sich ergeben. Surrender. Der Erzähler spürt
dann (als ruhige Gewissheit), dass seine Geschichte bereits im Buch des Lebens verzeichnet ist. Er
MUSS nichts mehr tun. Die Geschichte wird ihm zur Freude, der Freude des Wieder­erkennens.

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