Eine wichtige Unterscheidung:

„Meine eigene Lebensgeschichte“
und die Biographien von Prominenten.

In den veröffentlichten Biographien von Prominenten (Fußballer, Sänger, Politiker,
Schauspieler) wird das innere Leben und Erleben ohne weiteres „nach außen geleitet“.
Der Erfolg solcher Biographien mit Auflagen von manchmal hunderttausend Exemplaren
kommt daher, dass der Käufer an diesem nach außen geleiteten Leben teilnehmen möchte.
Er kann sich in seiner Projektion des Prominenten spiegeln und ist damit entlastet, selbst
jemand zu sein.

Ich vermute deshalb, dass das Buch auch für den Prominen­ten selbst oft keinen inneren
Prozess darstellt, keine innere Anstren­gung, keinen Kampf, keine tiefere Auseinandersetzung.
Das soll ja gerade vermieden werden, weil es dann „zu schwierig“ wird.

master-shi-xi

In den privaten Biographien steht jedoch immer wieder die Frage vor dem Erzähler,
warum sich überhaupt irgendjemand für sein privates Leben, für seine Verirrungen,
für seine Erfolge interessieren sollte. Beim Schreiben und Korrigieren und beim Erleben
der Reaktionen auf das Buch findet ein Durcharbeiten statt. Mit den notwendigen Vor-
stufen des Erinnerns und Wiederholens.

Wenn überhaupt, lässt sich nur so Autorität erwerben: Gewiss­heit über das eigene Leben.
Wer bin ich, woher komme ich, wohin führt mein Weg, wozu die Umwege und Irrtümer?
Das Ableiten nach außen und das Projizieren der Schatten­seiten auf die Anderen schwächen
nur. Hier wird alles auf den Geschmack des breiten Publikums zugerichtet. „Brot und Spiele“
– aber jetzt in Buchform. Keine ehrliche Beschäftigung mit diesem Wesen namens „ich“.
Das ist aber der Sinn einer solchen Veranstaltung: sich seiner eigenen Autorität inne zu werden.

Der Erzähler wird zum Autor seines Lebens und gewinnt so die Autorität über sein Leben zurück.

womg-kiew-kit