Das zugesprochene Wort

Am 1. August 1964 schrieb Romano Guardini in sein Tagebuch:

„Heute Nacht, aber es war wohl morgens, wenn die Träume kommen, da kam auch
zu mir einer. Was darin geschah, weiß ich nicht mehr, aber es wurde etwas gesagt,
ob zu mir oder von mir selbst, auch das weiß ich nicht mehr. – Es wurde also gesagt,
wenn ein Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben, und es war wichtig,
was gemeint war: nicht nur eine Veranla­gung, sondern ein Wort. Das wird hinein­-
ge­spro­chen in sein Wesen, und es ist wie das Passwort zu allem, was dann geschieht.
Es ist Kraft und Schwäche zugleich. Es ist Auftrag und Verheißung. Es ist Schutz und
Gefährdung. Alles, was dann im Gang der Jahre geschieht, ist Auswirkung dieses
Wortes, ist Erläuterung und Erfüllung. Und es kommt alles darauf an, dass der,
dem es zugesprochen wird
– jeder Mensch, denn jedem wird eins zugesprochen –

es versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt. Und vielleicht wird dieses
Wort die Unterlage sein zu dem, was der Richter einmal zu ihm sprechen wird.“

Der Richter – das muss gleich richtiggestellt werden und von der Angst vor dem
Inferno und Purgatorium befreit werden: Wir werden „gerichtet“ – das heißt wir
werden „richtig gemacht“.

Und auf diese Weise richtig gemacht, verstehen wir auch das uns zugesprochene
Wort. Und wir können es dann vielleicht sogar selbst aussprechen.

Dieses Wort wäre dann auch der Titel der Autobiographie.