Gesundsein und gesund werden
mit der eigenen Lebensgeschichte

 

Der gesunde Mensch ist in seinem schöpferischen Sein ausgeglichen, ist
gesund aus sich selber. „Es gesundet sich“, kann man sagen; so wie „es sich
kränkelt“, wenn das Tun im Sinnlosen versiegt. Dann fehlt ihm mal dies
und mal jenes, solange man in ihm nicht die andere Wirklichkeit erweckt.
Man gibt dem Kranken, der sich einsam und verlassen fühlt, Mittel zur
Betäubung, zur Ablenkung, weil man nichts von der anderen Wirklichkeit
weiß. Aber er erwacht aus dem Rausch und ist weiter unglücklich, vielleicht
unglücklicher als vorher. Dann braucht er einen gesteigerten Rausch und
eine raffiniertere Betäubung. Es ist eine Sackgasse, ein Reich der Hoffnungs-
losigkeit, der Kranke hat mehr und mehr Angst und gibt es endlich auf.

Das Heilen kann nur den ganzen Menschen betreffen. Solange dem Menschen
die andere Wirklichkeit vorenthalten wird, bleibt er in dieser erscheinenden
Wirklich­keit allein und hoffnungslos. Dann kann er nicht schöpferisch sein,
gesund sein, denn er hat den Sinn des Lebens nicht erkannt, der ihm die
Kraft aus der Ruhe gibt.

Diese andere Wirklichkeit kann man nicht durch schöne Worte schenken.
Da rea­giert der Mensch sehr feinfühlig. Auch Worte können betäuben, und
Religion kann auch wie Opium wirken. Man sollte auf die Schreie der
Unglücklichen achten und nicht gleich sagen, sie seien im Unrecht. Der
Unglückliche ist eben der Kranke. Oft ist er aggressiv, weil er nur die eine
Seite kennt. Wenn er unsere Versuche zur Heilung ablehnt, dann könnte
es sein, daß wir nur schöne Worte zu bieten haben, daß wir ihn nur ablenken,
aber nicht den Weg zur Vereinigung beider Wirklich­keiten zeigen.

Diesen Weg kann man nur zeigen, indem man sich selbst mit seiner eigenen
Ganzheit anbietet. Schenke ihm deine Ruhe, sogar dann, wenn du sie dabei
verlieren würdest. Dein Dasein, dein Tun, deine Anwesenheit müsste ein
Sichverbinden mit ihm sein.“

 

(Diese Gedanken sind Friedrich Weinrebs Büchlein „Vom Sinn des Erkrankens“,
Bern 1979 entnommen. Aus ihnen lässt sich ein tieferer Sinn des Erzählens
entnehmen. Und natürlich auch des Zuhörens.)