SIE ERZÄHLEN
WIR SCHREIBEN
DIE GESCHICHTE
IHRES GANZEN LEBENS – AUS DER SICHT EINES MANNES

Soll ich mein Leben aufschreiben lassen?
Selbstgespräch eines 70jährigen Mannes

I

Wenn überhaupt, dann soll es das ganze Leben sein.
Das ganze Leben? … es zerfällt doch.

In Abschnitte (Kindheit, oh fernnahe Kindheit) und Episoden.
Lebensabschnittspartner, welch schreckliches Wort. Wohnorte.
Sprachen. Was daran ist noch „ganz“?

II

Ich habe mich entwickelt, etwas gelernt, Berufe ausgeübt, Ziele erreicht.

Was davon ist es wert erzählt zu werden? Anders gefragt: Wie weit ist es
wirklich her mit meiner Eigenart, meiner Größe, meinen Leistungen?

Wozu habe ich all das eingesetzt?

Habe ich Gutes bewirkt?

III

Ich bin ja nun einmal da, ich wurde nicht gefragt, ob ich kommen wollte
und ich werde nicht gefragt, ob ich gehen will.

Wozu bin ich auf der Welt? Wer bin ich und wie weit zeige ich mich, wie ich bin?
Darf ich mich so zeigen? Wirklich so, wie ich bin?

IV

Die Anderen haben mich geprägt, gefördert, gehemmt. Geliebt, ja auch gehasst.
Haben mich gesehen, wie sie mich sahen. Ich habe mich angepasst und ging
meinen eigenen Weg.

Was sie über mich sagten, was sie zu mir sagten, gehört dazu. Wie abhängig
ich von ihrem Urteil war!!  Wie sehr ich danach strebte, mich davon zu befreien!!
Was für große Hoffnungen und Ängste mit dem Beurteiltwerden verbunden sind!!

V

Mein Leben besteht aus Geschichten.

Doch ich kann die Ereignisse auch auflisten, wie in einem Lebenslauf,
mit dem ich mich bei der himmlischen Geschäftsstelle bewerbe.

Bin ich bereit, mich auf die Geschichte und ihre Geschichten einzulassen
oder halte ich mich fest an Bericht und Chronologie? Oder wage ich mich
sogar an eine Chronik der Gefühle?

VI

Am Ende nochmals das ganze Leben.

Weiß nit woher, weiß nit wohin, mich wundert, dass ich fröhlich bin.
Worte eines fahrenden Sängers. Lange her … und doch klingen sie noch heute wahr.

Trotz Evolutionstheorie und Astrophysik und Neurowissenschaften …
immer noch weiß ich nicht viel von meiner Herkunft. Eltern, Großeltern,
ein paar Geschichten von den Ahnen. Über das Wohin weiß die wissenschaftlich
aufgeklärte Welt ebenfalls gar nichts.

Und doch gehören Woher und Wohin gewiss zum Ganzen.

Ich sollte mich vorbereiten … worauf auch immer.

◊ ◊ ◊

◊ ◊ ◊

SIE ERZÄHLEN
WIR SCHREIBEN
DIE GESCHICHTE
IHRES GANZEN LEBENS – AUS DER SICHT EINER FRAU

Selbstgespräch einer 70jährigen Frau
(Sie denkt nach, ob sie ihre Lebensgeschichte erzählen und aufschreiben
lassen will –
und bezieht sich auf den inneren Dialog ihres Mannes)

 

I

Werde ich überhaupt alles in einem Buch unterbringen? Es soll doch das ganze Leben sein.

Das ganze Leben … das wäre zu schön! Es gibt Dinge, die ich nicht erzählen kann,
mir selber nicht und anderen schon gar nicht. „Diese verfluchte Ta…, schon der Name
macht mich krank!“

Aber nicht darüber zu sprechen, wäre auch nicht richtig.

Was tun?

Das Unsagbare umschreiben? Die Schrecken umschiffen? Verwandeln gar?

II

All diese Äußerlichkeiten! Gute Zeugnisse, Gesellenstück, Diplom. Beruf ausgeübt.
Geld verdient. Ich sage es so: Einzig und allein die Kinder sind keine Äußerlichkeit –
aber das Großziehen von Kindern ist Frauenschicksal und kein persönliches Verdienst.

Und natürlich die Liebe, wenn sie vergönnt ist.

Was davon ist es wert erzählt zu werden? Ich habe mich angestrengt, das ist wahr,
viel geleistet – wie meine Generation sagt. Dennoch: was ist das Besondere daran?

Wozu habe ich mich so angestrengt? Wäre nicht mehr Gelassenheit gut gewesen?
Vertrauen, dass sich manches von selbst regelt?

III

„Ich bin ja nun einmal da, ich wurde nicht gefragt, ob ich kommen wollte und ich
werde nicht gefragt, ob ich gehen will“, so kann nur ein Mann sprechen. Der keine
Kinder geboren hat. Sie nicht jeden Tag gedeihen sah.

Ich bin selbst ein Kind meiner Mutter, die Enkelin meiner Großmutter. Und über
meine Söhne und Töchter geht das Leben weiter. Das ist mir erst mal genug
Unsterblichkeit.

Und doch darf ich mich auch darüber hinaus fragen, wozu ich auf der Welt bin?
Wer bin ich und wie weit zeige ich mich, wie ich bin? Bin ich bereit, auch meinen
Schatten anzuschauen? Und wozu dann das? Auch das hat doch seine Grenzen.

IV

Zu den Meinen würde ich nicht „Die Anderen“ sagen. Dass sie mich geprägt,
gefördert, gehemmt haben, geliebt und gehasst, ist so selbstverständlich, dass
ich es gar nicht für erwähnenswert halte. Wie sie mich gesehen haben, hat mich
derart stark beeinflusst, dass ich mich manchmal fragte, ob ich überhaupt ein
„eigener“ Mensch bin. Ich habe mich in existierende Verhältnisse gefügt.

Meinen eigenen Weg … suche ich noch heute.

V

Mein Leben besteht aus Geschichten.
Aber nicht alle Geschichten kann ich freigeben für die Öffentlichkeit, auch
wenn die Öffentlichkeit nur aus dem engsten Kreis von Freunden und
Verwandten besteht.

Es gibt keinen Ausweg aus dem Gefängnis des Unsagbaren. Obwohl: sagen
kann ich es schon, zum Beispiel jemandem, zu dem Vertrauen besteht, aber
es einfach mitzuteilen, so dass es jeder erfährt, das geht nicht. Ich muss es
mit ins Grab nehmen.

VI

Ja, es geht ums Ganze.

Die Eltern, die Kinder, und ich in der Mitte. Bin ich da geborgen?

Meine Maxime ist, mich nicht so wichtig zu nehmen; ich sehe aber, dass auch
dem „Nicht-wichtig-nehmen-Wollen“ schon ein sich wichtig nehmen voraus geht.
Sehr sogar. Meine Nichte sagt gern: „Ich habe nichts zu sagen“, sie ist auch
schon 52 und leitet ein ganz hübsch großes Unternehmen. Nur keine falsche
Bescheidenheit! Vielleicht ist das für uns Frauen ganz wichtig.

Ich sollte mich auch vorbereiten … worauf auch immer.