Sie sind über siebzig – und warten voll Angst und voll Sehnsucht
auf die entscheidende Begegnung

Sie sind über siebzig, also nach dem mutigen Wort des Pre­digers schon in der Nähe des Ortes,
wo das Leben zu Ende geht: Das Leben währet siebzig Jahr und wenn es gut geht. ist es Mühe
und Arbeit gewesen. Andere würden sagen, Sie sind in der zweiten Lebens­hälfte. Und – Sie
sind eine Aus­nahme, insofern Sie über Fragen nach­denken, die heute von vielen Menschen
als unnütz betrachtet werden: Über den Sinn des Lebens, über das gerechte Han­deln, über
Güte und Mit­ge­fühl. Ihr Denken ist nicht abgelöst vom alltäglichen, konkre­ten Leben: es sind
Ihre Erfahrun­gen, die in das Nachsinnen einfließen.

Wozu bin ich auf der Welt? Anders gefragt: Wer bin ich denn nun im Verhältnis zu diesem
ganzen Universum?

Jedem Menschen ist in seinem Leben einmal das Grosse begegnet, und wenn einmal, dann
ist es auch in irgendeiner Weise geblieben und immer noch da. Das Ereignis deines Lebens
könnte man vielleicht sagen. Die Geschich­te deines Lebens ist die, wie du dich dem Ereignis
ge­stellt hast, was es mit dir machte, und wenn du diese Geschichte überlieferst, weißt du, wozu
du auf der Welt bist.

(Zum Wechsel in der Anrede vom Sie zum Du gehört das Bonmot des berühmten Karlfried
Graf von Dürckheim, der auf die Frage, was er als die Aufgabe des Menschen hier ansähe, sagte:
Wie kommt der Karlfried durch den Dürckheim durch?)

Erstaunlich, dass in so vielen Autobiographien dieses Große gar nicht auftaucht. Das Leben
versandet im normalen Betrieb: Beruf, Karriere, Ehe und Familie, alles schön und gut, alles
mehr oder weniger gut gelungen. (Jedenfalls in unseren Breiten.) Die Nachtseite wird tot
geschwiegen – die Krisen erscheinen aber, um den Menschen mit dem Ereignis in Berührung
zu bringen.

hornle-zwischen-den-wolken-2014

♥ ♥ ♥

Davon erzählt die folgende Geschichte von Martina Ananda Marker, die hier mit ihrer
Erlaubnis veröffentlicht wird
(Farbige Hervorhebungen sind von mir, L.L.)

Die Begegnung mit dem Wolf

Ein Rezept „gegen“ die Angst kenne ich nicht, weiß keine Methode oder Technik und will ehrlich
gesagt gar keine kennen. Ich glaube nämlich nicht, dass es um ein Konzept geht, sondern um
Bewusstsein. Für mich wurde angesichts der Angst, an diesem ganz speziellen Tag, von dem ich
euch berichten will, die Kraft der Gegenwärtigkeit zum Schlüssel. Ich möchte euch meine
Wolfsgeschichte erzählen, eine Erfahrung mit euch teilen.

Eine ungewöhnliche Begegnung mit der Angst

Es war im Jahre 2003 während einer Reise mit Schama­nen in Sibirien, da stand ich eines Morgens
um vier Uhr fernab vom Lager und jeder Hilfe Wölfen gegenüber. Nur drei Meter vor mir hatte ein
großes schönes Tier Stellung bezogen, hinter mir stand das Rudel. Der Wolf sah mich an, unentwegt,
Auge in Auge. Ich war wie erstarrt, wie gelähmt und hatte Todesangst. Was, wenn das Tier mich mit
seinem Blick bannt und mich jeden Augenblick das Rudel von hinten angreift? Niemand wird mich
hören, niemand weiß, dass ich so früh allein unterwegs bin.

Eine nie gekannte maßlose Angst hatte mich komplett in ihren Krallen. Meine Gedanken rasten,
das Kopfkino spielte die volle Palette ab. Plötz­lich wurde mir bewusst, dass ich ständig in der
Vergangenheit (warum, wieso, wie konnte ich nur so dumm sein) oder in der Zukunft dachte
(was wenn ich angegriffen werde). Ich wusste auf einmal, dass im Augenblick weder das eine
noch das andere existiert und stellte mir die Frage: Was ist real? Die Antwort kam aus dem
tiefsten Inneren, von einem Ort ursprüng­lichster Verbundenheit, aus der Quelle meines
Wesens selbst.

Tut mir leid, ich kann an dieser Stelle nur herumstopseln, jedes Wort begrenzt eine grenzen-
lose Erfahrung und wird an dieser Stelle immer ungenügend sein. Fakt ist, dass alle Attribute,
alle Bezeichnungen wie etwas ist, sich schlagartig auflösten (böser Wolf, guter Wolf, gefähr­licher
Wolf etc.), alles reduzierte sich auf „Ich bin hier ‑ da bist du“, alles wurde auf einmal klar und
leicht. Ich hatte die Empfindung, als würde die Angst wie schwarze Tinte an meinen Seiten
herab in die Erde fließen und war nach kurzer Zeit gänzlich frei davon.

In diesem Moment der großen Stille, des JETZT, sah ich in Bruchteilen von Sekunden plötzlich
eine Reihe von Mög­lichkeiten, da lag ein spitzer Stein, hier ein Stock, ich hatte Zähne und Krallen,
ich könnte schreien und kämp­fen, ich könnte auch mit dem Wolf tanzen wie Kevin Kostner in
diesem großartigen Film, plötzlich hatte ich eine Wahl. Als mir das bewusst wurde, sah ich das
Geschenk, das in dieser Begegnung lag, erkannte zur Gänze und total, dass wir beide Gottes
Geschöpfe sind und öffnete mich komplett der Erfahrung von reinster Liebe. Ich gab mich etwas
hin, das größer ist als wir, wurde butterweich, weit und dankbar, Tränen standen in meinen Augen.
Ich erkannte den Wolf, so wie er mich erkannte, er, der mir die ganze Zeit während meines Prozesses
tief in die Augen blickte. „Wir sind eins…“ sagte ich von ganzem Herzen und ganzer Seele in Gedanken
zu ihm und sank vor Ehrfurcht und Staunen auf die Knie. Da senkte er seinen Blick noch tiefer in den
meinen, nickte und lief davon. Alles was ich empfinden konnte war reinste Freude und Dankbar­keit.

Natürlich drehte ich mich nach einer Weile nach den anderen Wölfen um, aber auch sie waren
verschwunden. Tagelang konnte ich niemandem von diesem Erlebnis berichten, so tief hatte es
mich erschüttert und berührt. Erst viel später, als ich zufällig mit der Übersetzerin und der
Schamanin die uns begleitete, allein am Feuer saß, baten sie mich zu erzählen, was mich so
verändert hätte. Wölfe scheuen den Menschen, erst im härtesten Winter wagen sie sich an die
Herden. Einem Wolf im Sommer so nah zu begegnen, sei höchst ungewöhnlich und kein Zufall
erfuhr ich, der Wolf sei definitiv mein Krafttier.

Ich wünsche euch allen angstfreie, kraftvoll gegenwärtige und liebevolle Zeiten.
Eure Martina Ananda Marker