Der Ursprung des Lebens

Eine Bild-Betrachtung
(… und vielleicht einen Schritt darüber hinaus)
Louis Lau, Januar/Februar 2013

Die Worte, mit denen Martin Heidegger in seinem Vortrag Der Ursprung der Kunst die Bauern-
schuhe auf dem Bild des Vincent van Gogh beschrieben hat, gehen mir nach. Ob es mir gelingt,
jene drei Bilder, entstanden im Herbst 2012, die das Leben und die zwei Konzepte der Lebens-
geschichte aus einer quasi höheren Perspektive, aus der Sicht der zwei Bäume im Paradies zeigen
sollen, in einer ähnlich durchgreifenden Weise zu beschreiben?

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Als gutes Ende dieser Bild-Beschreibung schwebt mir eine Einsicht vor. Sanft und kraft­voll soll
sie Leser und Betrachter auf­neh­men (und auf­heben), so dass er sich berei­chert fühlt – wie sonst
nur durch das Leben selbst. Die Frage nach dem Ursprung wird hier nicht so sehr als Frage nach
dem woher und wohin schöngeredet, sondern scharf wie ein Schwert als wo­zu zugespitzt: Das
Leben wozu? Und der Tod wozu? Man kann dann nicht mehr drum herum reden und sich nicht
mehr mit Möglichkeiten zu­frie­den geben. Entweder zeigt sich das Wozu von Leben und Tod
oder es zeigt sich eben nicht. – Eine solche, sagen wir „unbedingte“, Haltung soll im Leser
aufgehen wie eine Knospe auf­geht: Würzduft erfüllt den Raum. Das gedul­dige (und eben unbe-
dingte) Aushalten der Frage wozu wächst sich aus zu einem Ereignis. Leben wird wieder erstaun-
lich und lebendig – wie am ersten Tag.

Der erste Anfang sind jene Worte des „Philosophen“ Heidegger, die eine so starke Wirkung hatten.

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„Aus der dunklen Öffnung des ausgetretenen Inwendigen des Schuhzeuges starrt die
Mühsal der Arbeitsschritte. In der derbgediegenen Schwere des Schuhzeuges ist auf-
gestaut die Zähigkeit des langsamen Ganges durch die weithin gestreckten und immer
gleichen Furchen des Ackers, über dem ein rauer Wind steht. Auf dem Leder liegt das
Feuchte und Satte des Bodens. Unter den Sohlen schiebt sich hin die Einsamkeit des
Feldweges durch den sinkenden Abend. In dem Schuhzeug schwingt der verschwiegene
Zuruf der Erde, ihr stilles Verschenken des reifenden Korns und ihr unerklärtes Sich-
versagen in der öden Brache des winterlichen Feldes. Durch dieses Zeug zieht das
klaglose Bangen um die Sicherheit des Brotes, die wortlose Freude des Wiederüber-
stehens der Not, das Beben in der Ankunft der Geburt und das Zittern in der Umdro-
hung des Todes. Zur Erde gehört dieses Zeug und in der Welt der Bäuerin ist es behütet.“

Die Wirkung dieser Worte spüre ich als „Betroffensein und Sprachloswerden“, vermag aber
nicht zu sagen, was genau sie hervorruft. Da blitzt in den Worten ein „Betroffen- und Sprach-
lossein“ vom Bild selbst auf, da sind Worte, die ein wenig (aber nicht zu stark) über eine
bloße Beschreibung hinausschießen. Dass die Mühsal aus der dunklen Öff­nung heraus
„starrt“, ist so ein Wort. Denn wohin soll sie starren, wenn nicht mitten in die starrenden
(starren?) Augen des Betrachters? Und wenn die Zähigkeit des Ganges und seiner Wie­der-
­holungen im Leder „aufgestaut“ ist, und demnach eine letzte Auflö­sung erstrebt, berührt
es mich unheimlich. Es „schwingt der verschwiegene Zuruf der Erde“ – ein Zuruf also
ohne Worte und doch ein Ruf! Die Füße in diesen Schuhen gehen auch über gefro­renes
Land, werden selber gefroren und eisig, klamm und starr. Und doch! Sowohl Füße als
auch Schuhe haben durch sich hindurch „klagloses Bangen“ und „wort­lose Freude“
ertönen lassen und sind voll davon. Und am Ende dieser Satz, schwer und fett wie
Ackerkrume, die regelmäßig vom Fluss überschwemmt wird: „Zur Erde gehört es …
und in der Welt … ist es behütet.“

 

Martin Heidegger ist in diesen Zeilen Denker und Dichter zugleich. (Auch wenn manche
Zeitgenossen diese Zeilen als pathetisch erleben und unerträglich finden mögen.)

Nun, sein Blick und seine Worte animieren mich, aber meine Betrach­tung braucht
einen anderen Anfang. Der andere Anfang wird der „hebräische“ Anfang sein. Mein
Lehrer und väter­licher Freund also, Friedrich Weinreb, sein Name sei zum Guten.
Der von den zwei Bäumen und von allen anderen Dingen des Lebens in einer neuen
Weise erzählte, einer Melodie, die mich ereilte und nicht mehr losließ, im Grun­de
vielleicht gar nicht einmal so ver­schieden von der Art und Weise, in der Heidegger
mich ergreift. Der „hebräische“ Anfang – das ist der Anfang über das Wort, das die
Welt erschuf, das Wort, das aus den 22 „Zeichen aus dem Nichts“ besteht, aus den
Zeichen, die zugleich Namen sind, aus den Zeichen, die zugleich Zahlen sind –
wo­durch dann alles, was in der „hebräischen“ Bibel geschrieben steht, in vollkom-
mener Klarheit „gelesen und gerufen“ werden kann, wenn einer den Schlüssel dazu
annehmen kann und sich selbst und seine ängstliche Sorge „was wird aus mir“ aufgibt.

 

„Mir hat in meinem Leben die Liebe gefehlt“, diese Einsicht hat der deutsche Philosoph
Heidegger im Gespräch mit dem chassidischen Weisen Weinreb kurz vor seinem Tod
noch äußern können. Ich stehe baff – ein Mensch, der sich derart innig in den Stoff
und in die Form und in das Wesen dieser Schuhe „ein­lesen“ konnte, dass mir ganz
anders wird… der will von sich selbst „gesehen“ haben, dass er ohne Liebe war? Also
doch „ein Meister aus Deutschland“? Oder eben gerade doch nicht?

 

Da ist er also nun aufgekommen wie Heißes und Flüssiges aus dem Erdinneren, der
neue Anfang: Jene Szene, von der nur ich allein weiß, weil einzig und allein ich damals
neugierig auf den Namen war, den Weinreb natürlich nicht genannt hat. Wenn ich mich
richtig erinnere, war es so: Während der Sommertagung 1988 auf dem Schwanberg, die
das Hohe Lied zum Thema hatte, erzählte Weinreb von einer Begegnung. „Ich habe
einmal ein langes Ge­spräch mit einem Philoso­phen gehabt, ich kann den Namen nicht
nennen, und gegen Ende des Gesprächs sagte dieser Philosoph: Mir hat in meinem
Leben die Liebe gefehlt.“ – So kurz und so vielsagend. Woher weiß ich also, dass es sich
bei diesem Philosophen um Martin Heidegger handelt? Ja, woher weiß ich das? Das ist
eine gute Frage! Und seit wann weiß ich das? War es nicht so, dass ich es schon einmal
wusste, und dann wieder ver­gessen habe und mich nun wieder daran erinnere? „Den­ken
heißt geschicht­lich denken“ – diese Formel ist ein guter Einstieg in Heideg­gers Den­­ken.
Es ist nur ein „intuitives Wissen“, dass es Heidegger war, der sich hier zu einem Bekennt-
nis durchrang. Ein skeptischer Leser wird es Wunschdenken nennen. Aber um einem
skepti­schen Leser nahe zu brin­gen, dass in dem Gespräch dieser beiden Männer, bei ihrer
ersten und einzigen Begegnung am 17. Februar 1976 in Sigmaringen, tatsächlich eine
solche Einsicht ans Licht kam, müsste ich tat­sächlich alles miteinander in Verbindung
bringen, was ich von Hei­deg­ger und Weinreb jemals ver­nommen habe. Wie Abraham
müsste ich es „zusammenbinden“, alle „vier“ Elemen­te dieser beiden Lehrer zusammen-
­binden, und zum Opfer bringen als das Beste und Liebste, was mir in meinem Leben
geschenkt wurde…

 

Als Zeuge für den Wissenschaftler bin ich also verloren, kein Tonband lief mit, kein
anderer Zeuge ist greifbar. Man muss mir glauben. Für den, der „nur“ wissen will
und sonst keine Verbindung eingeht, ist mein Zeugnis wertlos. Das Bild oben links,
betitelt „Wis­sen, Wachstum“ sagt im Grunde: „Mir hat in meinem Leben die Liebe
gefehlt.“ Und das Bild rechts sagt: Hier, im Hebräerland, jenseits dessen, was du
berechnen und die­nen Machenschaften unter­werfen kannst, bringst du die Liebe
nach Hause. Hier spielst du mit dem Leviathan und den anderen Untieren der Tiefe,
und im erscheinen­den Jetzt spielst du wie ein Kind mit allen Luftballons und Seifen-
blasen, seien sie an der Börse oder im Kopf der Mäch­tigen entstanden. Du hast keine
Angst mehr, wovor denn auch? Dein Weg führt in die tiefste Tiefe, die überhaupt
möglich ist, denn dort wo der Weg sich wendet, ruht der „Stein“, der Grundstein
genannt wird, ewen schetijah in der heb­räischen Sprache. Und in der Mitte, zum
ersten Mal sehen wir es jetzt, in der Tiefe der Wurzeln der beiden Bäume, die anders
als die sichtbar getrenn­ten Bäume, mitein­ander verbunden sind, da erkennen wir
auch diesen Stein. Es ist der Stein, der das, was nach dem Weltbild des Wissens und
des Wachstums unmöglich verbunden werden kann, dann eben doch verbindet. „Der
Stein, der fließt“, ist eine mög­liche Überset­zung der hebräischen Worte. Wie soll das
zugehen, fragt der Ver­stand. Schau auf die Zeit, kommt eine Antwort aus dem Inneren
(oder woher auch immer), schau doch, du denkst, sie fließt, oder denkst du es etwa
nicht, du kannst aber doch das Fließen gar nicht wahrnehmen, immer nur den „Punkt“,
an dem du auf­schaust, und siehe da: Es ist fest – wie Stein. Das ist natürlich die alte
Geschichte, als Israel durch das Meer des Endes zog (und immer zieht), als das
Wasser hoch steht, fest wie Marmor, und die Stim­men aus den Himmeln rufen:
Saget nicht Wasser, saget nicht Wasser! (…sondern Stein).

 

Gegensätze sind gar keine – nicht in einer anderen (tieferen, jenseitigen) Schicht
des Gesche­hens. (Und deshalb sollen wir „geschichtlich“ denken? Weil wir damit
dem Geschehen näher kommen? Dem was wirklich geschieht? Weil das Offensicht-
liche, also die fließende Zeit, die Geschehnisse, die beschrieben werden können,
nicht der Ursprung sind.)

 

Wir sehen also den Ursprung des Lebens als „doppelten Ursprung“, einen Ursprung
im rechten Bild oben rechts und einen Ursprung im linken Bild unten links, vom
Himmel und aus der Erde, aus dem Mut, das Neue zu wagen und aus dem Willen
zur Macht. Oben rechts der Gedanke, dem Leben die Freiheit zu schen­ken, für und
gegen die Himmel zu sein. Unten links der Gedanke, diese Freiheit zu ergreifen und
zu werden wie Gott. Können wir dieses Liebes- und Machtspiel nicht im Leben jeder
Zelle, im Leben jedes Sterns, in jeder Geschichte wiederfinden?

 

Und wir sehen auch den anderen Ursprung des Lebens, ebenfalls ein doppelter Ur­sprung,
für den wir das (am wenigsten verstandene) Wort Tod bereit halten. Im rechten Bild oben
links und im linken Bild unten rechts: Ende (und Anfang). Beide Enden wei­sen in die Mitte,
zu den beiden Bäumen, die getrennt erscheinen und doch verbun­den sind.

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Warum wollen wir vom Ursprung des Lebens „wissen“? Warum fragen wir danach? Und wie?
Eingebunden (im rechten Bild) in eine dunkelblaue, mit goldenen Quallen übersäte Tiefseeland-
­schaft, getragen und in ihr schwimmend wie ein Fisch im Wasser und unheimlich berührt, fühlen
wir uns auf dem Weg ausgeliefert an unvergleichliche Wesen und Mächte. Hier zeigt sich, wer
du bist. Wes Geistes Kind du bist. Da musst du vielleicht wie ein Großer auftreten, und dem
dunklen und grausigen Wider­sacher mit einem ent­schlossenen „Du kannst hier nicht herein“
entgegentreten. Unter dir schäumt die Tief­see, Leviathan und Behemoth, Hydra und Kerberus,
aber über dir spielst du mit ihnen wie ein Kind und die Untiere freuen sich auch wie Kinder. –
Auf der anderen Seite (im linken Bild) fragen wir ebenfalls wie Kinder, wie ängstliche Kinder,
die alles wis­sen müssen, alles in schwarz und weiß aufteilen, bibbernd und cool. Endloses
Gere­de, endlose Aufregung, endloses Gezänk, am Ende dann der Verhau, Bilder vom Chaos,
vom verzehrenden Feuer, hier (im linken Bild) sind sie das Ende, dort (im rechten Bild) der
Anfang.

 

Wer spricht, fängt einmal damit an. Die Lippen öffnen sich mit einem sanften oder explo­siven
„Knall“. Der B- Laut. Davor (räumlich und zeitlich) das aleph, ein stummer Laut. Das aleph
schweigt, ist nur der kaum hörbare Laut „h“, wenn er mit geschlosse­nen Lippen und offener
Kehle „gesprochen“ wird. Auf der linken Seite wird er dann schon vokalisiert, zum Beispiel
als „ha“ oder „he“ laut ausgesprochen, ein Übergriff der ängstlichen und ungeduldigen Seele.

Die drei Bilder zeigen ein Gespräch. Das Gespräch eines Kindes mit dem „schlauesten“ aller
Lebewesen. Das Gespräch ist umgeben vom Schweigen des Vorher, das Schweigen des Nichts,
und von der Erwartung auf ein noch unbekanntes Zeichen (Buchstaben), das Raum und Zeit
als Blitz (und als Glück und als Einsicht) durch­leuch­tet. Das noch nicht offenbarte 23. Zeichen,
das vierfache Schin… verborgen wie so vieles im Wurzel­bereich der zwei Bäume und in den
Himmeln darüber.

Wozu wollen wir den Ursprung des Lebens „wissen“? Weil wir uns angewöhnt haben, „Ursprung“
gleich als (räumlichen und zeitlichen) Anfang zu lesen, werden wir unmit­telbar und unsanft
auf das „Ende“ gestoßen, Wort ohne Wiederkehr, schreckliches Wort – verbotenes Wort, in
einer Zeit, für die der schlimmste Schrecken in Worten wie „Nullwachstum“ oder „Burnout“
lauert. Die das Schreckliche mit Wachstumspro­gram­men und Lebens­beratung zu bannen
versucht. Ob dies gelingt, bleibt offen. Doch wenn wir es wagen, das Ende (des Lebens, der
Arten, der Erde, des Menschen) vor unser geistiges Auge zu stellen, dann „wissen“ wir sofort,
warum wir nach dem Anfang fragen. Denn wir empfinden stark, „jetzt“ zu leben –  obwohl
wir eben dies doch gar nicht wissen, sondern nur so nennen. Und wir wollen nicht sterben,
auch das empfinden wir stark. So fragen wir also – von links her – nach dem Ursprung, um
uns über den hereindräuenden Tod hinweg zu retten. Von links her verlieren wir uns in
tausend Gegensätzen, und wir verlieren uns gar nicht ungern, weil wir uns im Verlorengehen
betäuben können und so hoffen, den Tod und seinen Schrecken vor uns herzuschieben.
Ihn verdrängen; wie ein Schiff Wasser verdrängt, so verdrängt das Ich die zu Ende gehende Zeit.

 

Von rechts her (im rechten Bild) wissen wir immer schon. Wenn wir Mitgefühl, Erbar­men und
Verzeihen spüren, dann wissen wir – ohne zu wissen – wo wir herkommen. Und auch wenn es
uns manchmal hart ankommt, tätig zu werden, und mit dem Nach­barn und seiner Not mit­zugehen,
nicht zu sagen und nicht zu denken, „der ist doch selber schuld“, auch wenn es uns manchmal
schwer fällt, den  inneren Schweinehund zu überwin­den und ihm wirklich zu vergeben, wir tun
es dann doch. Mal holprig, mal gern und von Herzen. Da ist die Frage nach dem Ursprung
dann schon beantwortet – nach dem doppelten Ursprung, denn der Anfang ist die Herkunft,
und das Ende ist die Zukunft. Beides ursprünglich. Und der Baum des Lebens (in den Wurzeln
verbunden mit dem anderen Baum) ist nichts anderes als die Vernunft, wachsam und auch ein
wenig schlau, jedenfalls schlau genug, und großherzig.

 

„Mir hat in meinem Leben die Liebe gefehlt“ – ist nicht die Einsicht besser als ein Geständnis
und ein Geständnis besser als eine Beichte und eine Beichte schon wie die Freisprechung selbst?

 

„Ein Strom geht aus von Eden“ – eine Quelle hat das Leben. Und wir nehmen hier doch unseren
Anfang im Hebräischen (wörtlich: im Jenseitigen) und verstehen diese Mittei­lung von dem einen
Strom aus Eden so: „als Quelle kommt der Ursprung aus dem Gar­ten unseres Wohl­befindens“.
Kein Ort irgendwo im „Zweistromland“, sondern du, ich, wir befinden uns wohl, vielleicht schon
jetzt, gewiss aber erinnere ich mich (und du dich) an tausend Momente, in denen ich und du
glück­lich waren. Und da fließt dieser Strom des Wohlbefindens… der Ursprung des Lebens.
Martin – ich nenne ihn jetzt beim Vornamen, er kommt mir doch nah wie sonst nur ein Bruder –
spricht von einem Licht aus der Mitte des Seins. „Inmitten des Seienden als Ganzem west eine
offene Stelle…“ Ja, ein Strom geht aus von Eden.

 

Es bleibt aber nicht dabei. – Ja, …wohl wahr. Das Licht ist da, doch das Tohuwa­bohu, das
Chaos und das Durcheinander werden nicht „abgeschafft“ durch die Schöpfung des Lichts.
In Martins Worten: „Durch das Sein geht ein verhülltes Verhängnis…“, und auch das Licht
oder die offene Stelle nehmen das Verhängnis nicht heraus aus der Welt. Das Verhäng­nis
ist, und auch wenn es nicht zu den geschaffenen Dingen gehört (son­dern sich einer Ungeduld
der Erde verdankt, die aber vom Schöpfer nicht korrigiert – son­dern „gelas­sen“ wurde), ist
es un­wi­derruflich da. Und doch kann die Erinnerung in jedem Moment, in dem sie zu sich
selbst findet, wieder zum Licht, zur Wahrheit, und zum Schweigen vor dem „Zerbre­chen des
Schweigens“ zurück. Wir sagen „zurück“, aber es ist weder zeitlich noch räumlich ein Zurück,
sondern vielmehr ein „dorthin“: Dort, wo du hingehst, da will auch ich hingehen, sagt Ruth
zu Noemi, und wir verste­hen ihre Worte bis heute als Zeichen der Hoffnung und der Liebe
und der Treue. Die Liebe kommt dorthin, einzig die Liebe bricht durch. „Wissen und Wachs-
­tum“ können nicht dorthin, der Weg ist bewacht von den Cherubim mit dem flammenden
und krei­senden Schwert, genau zwischen den beiden Bäumen (im mittleren Bild), undurch-
­dring­lich.

 

Ein Strom geht aus von Eden, ein Licht erleuchtet die Nacht. Aber der eine Strom teilt und
vermehrt sich in vier, und die Vierheit der Erde und der Welt teilt sich weiter und weiter,
das Urteilchen in viele kleine und kleinste Teilchen, das Urvolk in viele Völ­ker und Nationen,
die eine Ursprache in all die vielen Sprachen, der eine und erste Mensch teilt und vermehrt
sich in sieben Milliarden Menschen, eine Zahl, heute schon von ges­tern. Schöne, schreck­liche
Viel­heit. Wenn ich mir vorstellen sollte, wie viel „Fleisch“ ich in meinem Leben schon gegessen
habe, mir vorstelle, wie viel sich da vor mir auf­türmt, ich glaube, es wäre nicht zu fassen. Nein,
ich will es auch nicht ausrechnen, es reicht als Ergebnis schon das Wissen, dass es vollkommen
unerträglich wäre, alles auf einem Haufen zu sehen. Aber die Krankheit, alles berech­nen zu
wollen, gehört mit zur Vielheit, kein Mechanis­mus, kein Filter in Sicht, der das Unschöne und
Hässliche aus dem Nützlichen und Notwen­digen herauswäscht. Ein Berg von Fleisch (Fleisch
ist im Jenseitigen das­selbe Wort wie Botschaft), aufgeteilt in gut und schlecht, brauchbar und
unbrauchbar. Und der Auf- und Abstieg des Lebens geht darüber hinweg, am Ende aber kommt
nur der Tod und alles war sinnlos. Ekelerregend.

 

Die Einheit des Ursprungs, in der Fleisch und Botschaft dasselbe Wort sind und in der dieses
Ereignis nicht nur gewusst und gesagt wird, sondern von innen her brennt, ist verloren gegan-
gen. Es gehört mit zum Nachdenken über den Ursprung des Lebens, dieses Zwischenergebnis
zu ertragen. Wenn es denn ein Zwischenergebnis sein sollte, und wir wirklich weiter vordringen
können, durch die schrecklich-schöne Vielheit. Aber wozu sollten wir das tun? Haben wir nicht
den Glauben an ein „sinnvolles Leben“ ver­loren, so wie wir auch den Ursprung verloren haben,
seitdem wir den Tod schmecken? Den Tod, eben in Gestalt der unendlichen Vielheit, in Gestalt
unübersehbar vieler Dif­ferenzen zwischen unübersehbar vielen Gruppierungen, letztlich alle
beliebig, letzt­lich alle zum Tod führend – und dann… eben nichts. Seitdem wir schon tot sind
– mitten im Leben. Seitdem wir uns abfinden, seitdem wir den Kopf in den Sand stecken,
realistisch sind… seitdem wir aufgehört haben, wie ein Kind zu sein. Seitdem wir in unseren
Tret­mühlen und unseren Hamsterrädern feststecken, in unserer Matrix gefangen. Das linke
Bild stellt unser Dasein in der „platonischen Höhle“ dar, unsere Beschäftigung mit dem vielen
Zeug, immer geteilt in schwarz und weiß, immer weiter wuchernd  und wach­send, und immer
unbeschnitten, und es zeigt die Ausweglosigkeit: der einzige sichtbare Ausweg ist der Tod.

 

Und der wird eben nicht als solcher erkannt.
Hartnäckig und ahnungslos nennen wir ihn „ausweglos“.

 

Schau doch, oder lieber noch: höre doch! Das ganze Treiben, das ganze so beflissene, so ernste,
so falsche, so verdrehte und verzweifelte, spaßhafte Getue und Gemache, das ganze „Verdienen“,
das ganze Sein wie Gott, in dem wir uns in den „reichen“ west­li­chen Län­dern eingerichtet haben
– im Moment des Todes wird es gerichtet. Das Leben des Toten geht über in die Verbor­gen­heit
(von hier aus gesehen) und ein ins Licht (von dort aus gesehen). Überall ist ja der Tod und das
Sterben präsent in diesem Leben, das auf dem Beurteilen und Grenzen­ziehen aufbaut. Bittere
Enttäuschung, unsagbar Schlim­mes, tödlicher Schrecken – die lebendige Seele stirbt viele Tode.
Halb tot läuft der Mensch durchs Leben, halb tot vor Entsetzen, halb tot vor Ärger, Frust und
Neid, er funktio­niert, ja, irgendwie schon, aber ob er noch eine Hoffnung hat, wer weiß.

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So trägt der Mensch sich selber durchs Leben – als Toten.

 

Der Mensch, wenn er bitter geworden ist (hebräisch mar, Teil des Namens Maria, heißt
bitter), will sich nicht mehr auf all die „falschen  Verspre­chun­gen“ einlassen: als solche
sieht er die Luft­ballons und Seifenblasen des rechten Bilds. Dann sieht er nur seine eige­-
nen Tränen und seinen eigenen Schmerz, steckt fest im Selbstmitleid. Auch wenn er nach
außen den coolen Max spielt. Maria aber mit dem blauen Mantel, in den sie alle Gegensätze
eingehüllt hat (im linken Bild), schickt einen Strahl von Licht über den Gip­fel hinaus. Und
er springt über das Graue der Bitterkeit und das Rote des Feuers der Verzweiflung hinaus
in die rechte obere Ecke. Das Licht oben rechts leuchtet auf beiden Bildern.

 

Wir fragen nun: Warum Tod? Und wir merken, dass wir uns noch nie getraut haben, diese
Frage zu stellen, sondern immer schon im Vorfeld abwinkten. Wir fragen. Es erscheint uns
fragwürdig, d.h. der Frage wert, es ist keine Empörung, keine Gleichgül­tig­keit. Trauer mischt
sich in die Frage, das schon, habe ich der Welt wirklich alles gegeben, was ich geben konnte?
Und das Bewusstsein (im rechten Bild als aufkommen­der Block von unten linkes her) weiß
die Antwort, nein, hast du nicht, „da war mehr drin, Louis!“ Zum Beispiel diese Fährte, die
du aufgenom­men hast, die Begegnung von Martin mit Eph­raim, deinem hebräischen Lehrer…
da möchtest du ja wohl noch ein paar Schritte gehen. Vielleicht ist diese Frage nach dem Tod
schon ein kleiner Schritt auf dem Weg, dem deut­schen Denker den hebräischen Anfang
schmackhaft zu machen. Sapere aude, wage es zu wissen – wörtlich „zu schmecken“.

 

Unser totes Wissen, wie es im linken Bild vollständig ausgebreitet ist, kennt tote Sterne,
tote Sonnen, tote Galaxien, ausgestorbene Arten, versunkene Kontinente, ausgerottete
Völker, untergegangene Sprachen, ermordete Diktatoren, Krankheiten ohne Ende.
Besser­wisser und Rechthaber aller Fakultäten vereinigen sich! Totes Wissen begegnet
anderslauten­dem totem Wissen: schwarz auf weiß eben. (Vom blauen Mantel eingehüllt
und so erst erträglich geworden, wenn auch manchmal nur mit großer Mühe.) So viel
totes Wissen, so viel Tod! Toter Tod, der keinen mehr interessiert, keinen mehr juckt,
kein lebendiger Tod, der einen anpackt und mit einem ringt und einen auch mal tröstet.
Das tote Wissen verdoppelt sich zurzeit innerhalb von sechs Monaten. So eine „Aus­sage“
ist pure Verzweiflung darüber, dass uns nichts und niemand mehr aus dem Meer des
toten Wissens heraus und hin­durch führen kann. Ägyptische Finsternis. Soweit das Auge
reicht. Wozu also der tote Tod?

 

Wenn wir allen Ernstes so fragen – und soweit ist es ja nun mit uns, dass wir daran
glauben, mit dem Denken dem Sein etwas abringen zu können – dann zeigt sich etwas
Neues: Wir trauen dem toten Tod noch etwas zu! Wozu west du da herum, du toter Tod,
und wieso verwest du nicht einfach? Wärst du verwest, würde kein Hahn mehr nach dir
krähen. Wir aber krähen nach dir, ist also vielleicht der Morgen schon nah?

 

Totes Wissen, gut für ein Quiz, gut für ein Kreuzworträtsel, gut um die Zeitung damit
zu füllen, gut für gelehrte Diskurse, gut, um abgeschrieben zu werden, gut, um andere
zu beeindrucken und auszustechen. Das Alter des Universums? Es ist in den letzten 50
Jahren von vier auf zwanzig Milliarden Jahre angestiegen. Man „weiß“ heute, dass die
Sonne einmal aufhören wird zu strahlen, und man hat sich sogar erkühnt, das Ende der
Sonne zu berechnen, nur dumm, dass keiner dieser astronomischen Zauberlehrlinge
dafür zur Rechen­schaft gezogen werden wird. Was sollte man mit ihnen machen,
ange­nommen, die Sonne würde es noch zehn oder hundert Millionen Jahre länger
machen, als ihre Berechnungen uns vorgaukeln, und sie hätten uns also eine falsche
Angst einge­jagt? Werden wir sie vergessen! Totes Wissen darf es heißen, wenn kein
lebendiger Mensch Verantwor­tung dafür über­nimmt.

Aber zugleich lässt es uns alles andere als kalt. Wir sind verrückt danach und würden
vielleicht sogar unsere Oma verkaufen, könnten wir so unser totes Wissen zu Geld und
immer mehr Geld machen. Und wer tut es nicht – totes Wissen anhäufen und damit
spekulieren, um vielleicht doch reich zu werden? Alle sind erfasst, mehr oder weniger.
Der eine ist eben erfolgreicher als der andere und kann vielleicht eher aufhören mit
der Jagd? Ist das der Grund, warum es uns zwickt, dass wir nicht so erfolgreich sind
wie die richtig Erfolgreichen? Oh yeah.

 

Ich denke, wir wollen noch dem toten Tod sein letztes Leben abluchsen. Aber der Reiche
(im linken Bild die schwarze Kurve), reich an Wissen, reich an Geld, reich an Macht, ge­langt
nicht ins Freie der Wüste, sondern bleibt immer Sklave seiner Skla­ven­halte­rei, oberster
Hamsterraddreher und Tretmühlenaufseher, so kom­men auch wir durch unser Wollen
und Planen und Rechnen nicht heraus aus der Tretmühle. Da waren sich Martin und
Ephraim einig.

 

Tot also. Gestorben fürs tote Wissen. Gestorben für die vielen Unterscheidungen, ohne
die wir nicht überleben können. Die uns gottähnlich machen. Gestorben fürs Überleben,
denn es war kein erfülltes Leben im Rad und in der Tretmühle, mit all den vielen Ab- und
Versicherungen gegen das Leben. Alles Wissen aller Fakultäten – totes Wissen, dazu ge-
macht, um das Überleben zu sichern, dazu bestimmt unterzugehen. Dass ein Astro­phy­­si-
ker vor fünfzig Jahren das Alter des Universums auf vier Milliarden Jahre berech­nete
– vergessen. Und mit den heutigen Rechnungen soll es anders sein? Und wenn es schon
mit den Berechnungen der harten Wissenschaften nicht stimmt, um wie viel mehr mit
den Theorien der Wirtschafts-, Sozial-, Kultur- und Geisteswissen­schaften. Sie gehen
den Weg alles Lebendigen, das schon tot ist, geraten (mehr oder weni­ger) völlig in Ver-
gessenheit. Verschwinden von der Bildfläche, gehen (im linken Bild) rechts unten aus
dem sicht­baren Spektrum.

 

Wohin?

 

Zum Beispiel der just „heute“ verstorbene 87-jährige Helmut Schönfelder, dessen Leben ich
vor zehn Jahren aufgeschrieben habe, meine erste Biographie im Rahmen der Me­moi­ren­werkstatt
– wohin ist er gegangen? Schaut er mir jetzt über die Schulter und freut sich, dass ich gerne an die
Tage unseres Zusammenseins denke? Ich stelle mir nichts vor, bilde mir nichts ein, ich frage lediglich,
aber dann lasse ich die Frage auf mich wirken. Und höre dann seine Stimme, kräftig, männlich, „ja,
der Louis, das ist aber schön, dass du anrufst, das ist schön, dass du an mich denkst. Und es würde
mich auch freuen, wenn du nun mit meiner Hilfe weiter kommst in deinen Gedanken.“

Kontakt! Das Zauberwort! „Schläft ein Lied in allen Dingen…“, also auch und vielleicht vor allem
im Tod, „und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauber­wort.“ Ich hab’ Kontakt mit Helmut,
wenn ich spüre, dass er an meiner Suche nach dem Ursprung des Lebens beteiligt ist, wenn ich gewiss
bin, dass er mir nicht gleichgültig ist und ich ihm auch nicht. Wir sprechen miteinander, ich höre ihn ja
und ich antworte ihm, Helmut, wie schön, dass du da bist, so nah hinter mir, ich spüre dich, deinen
Hände­druck, deine große Hand, gleich wirst du loslachen, weil du dich so freust. Wir ver­lassen uns
auf der Güter gefährlichstes, die Sprache, und sagen „ja, da ist eine gute Beziehung zwischen uns, die
ist nicht zu Ende, nur weil mein Leib das Spektrum dieser Welt verlassen hat. Wir starren auch nicht
auf die Leiche, und überlassen es den Toten die Toten zu begraben.“

Tod und Leben, sie sind sich ebenso nah. Sie sprechen miteinander. Das Leben geht im Tod heim
„zum Vater“ und der Tod geht im Tod ein ins Nichts. Das Leben geht im Leben zuerst hinab und dann
wieder hinauf, der Tod geht im Leben zuerst hinauf, dann hinunter und hinaus. Immer, wenn es sich
auf sein Eigenes besinnt, kann das Leben die Verbindung zum Toten aufnehmen. Es kann den Kontakt
spüren. Vernehmen. Was nur vernünftig ist. Und das Tote wird dann zum Leben erweckt – Helmut da
bist du ja! Hallelujah.

 

Kontakt. Vom Lateinischen. Gemeinsam berühren. Die Tangente berührt den Kreis, aber erst wenn
auch der Kreis die Tangente berührt, ist es Kontakt. Der sogenannte Punkt. Mit dem alles anfängt,
immer und immer wieder. Auch wenn es aufhört. – Helmut spürt, dass er mir geholfen hat, durch-
zubrechen. Weil er selber durchgebrochen ist. Der Punkt hat sich geöffnet, der Kreis hat sich geöffnet,
in der nächsten Dimension geöffnet zur Spirale. Und Helmut wünscht mir viel Glück mit meinem
Zauberwort.

 

♥ ♥ ♥

 

 

Wir haben also das Bild in der Mitte, die beiden Bäume, den Baum des Lebens mit der goldenen
Tafel, ein Durchschimmern der Farben rot und blau, warm und kühl. Nähe und Abstand, Anziehung
und Abstoßung. Eine Doppeltheit, wie es das hebräische Wort chajim sagt, vielleicht auch Gegensatz
und Konflikt, aber auf jeden Fall doppelt. Und dann der Baum des Wissens mit der silbernen Tafel,
das Durchschimmern von gelb und schwarz, gut und böse, aber nicht bei sich selbst erlebt, sondern
gewusst.

 

Und wir sehen den Lebensweg im Zeichen des Wissens, dass „dies“ gut sei, und „jenes“ nicht gut,
immer weiter sich verästelnd. Wo Natur ist, sieht dieses Wissen entweder „heilende“ oder „grausame
Natur“, wo Mensch ist, sieht dieses Wissen Helden oder Schur­ken, wo Gott ist, sieht dieses Wissen
den liebenden Vater oder den herrschsüch­tigen Patriarchen, der Opfer ver­langt. Kein Ort nirgends.

 

Wir können uns aber folgendes vorstellen: dieser Lebensweg aus dem Nichts und ins Nichts zurück,
das Bild einer schwarzen, ägyptischen Straße hinauf und hinunter, sei auf einmal transparen­t, und
sei in dieser Transparenz vor den Hinter­grund des mitt­leren Bilds der beiden Bäume geklappt. Wie
früher bei einem Flügelaltar. Das Auf und Ab, die Euphorie der Entwicklung und des Wachs­tums,
das Hinauszögern des Abstiegs, die Niederge­schlagen­heit und das Gefühl der Sinnlosigkeit, alles
wird von dem von unten herauf durchscheinenden Bild der beiden Bäume sozu­sagen gemäßigt: in
Kontakt ge­bracht zum größeren Ganzen – dem Garten des Seins mit der offenen Mitte. Die beiden
Bäu­me, zwei Arten des Denkens, zwei Arten des Lebens, zwei Arten des Sterbens – sind da, noch
nicht unterschieden als Sonne und Mond, groß und klein, gut und nicht gut. Sondern zwei Lichter,
die Welt zu erhellen bei Tag und bei Nacht. Zwei Leben, noch nicht unter­schieden in „Daumen nach
oben“ und „Daumen nach unten“, so als könne jeder User Kaiser sein, sondern zwei Leben, die sich
kreuzen, wie deins und meins.

 

Und ebenso können wir uns vorstellen: Jener Lebensweg aus dem Licht und ins Licht zurück, das
Bild einer weißen Straße hinunter und hinauf, sei transparent und auch dieser Lebensweg sei in
dieser Transparenz vor den Hintergrund des mittleren Bilds der beiden Bäume gehalten. Das
Hinunter und Hinauf, der Jammer, der Unglaube, nicht wahr­haben zu  wollen, dass man tatsächlich
hinunter geschickt wird, die Mühsal und Schwere des Daseins unten, die Freude und das Aufatmen
und vielleicht sogar eine Art Durchblick beim Aufsteigen – all dies wird von dem von hinten her
durchscheinenden Bild relativiert: in Kontakt gebracht zum größeren Ganzen – dem Garten des
Seins mit der Lichtung in der Mitte. Die beiden Bäume sind da, als solche bieten sie keinen festen
Grund, den einen für besser zu halten als den anderen, sondern beides leben zu lassen.

 

 

***

Der Ursprung des Lebens – ein fließendes ehernes Geschehen. …eine Geschichte, deren „An­fang“
sich im Dunst des halbwegs durchscheinenden paradiesischen Hintergrunds ver­liert. Ist der Dunst
hier oder dort? Nicht zu entscheiden. Und natür­lich ist damit auch jener Dunst gemeint, der mit den
Zeichen aleph und daleth geschrie­ben wird. Die Zahl und die Qualität eins und die Zahl und die Qua-
lität vier bekommen Kontakt. Quint­essenz. Martin hätte mit großen Augen geschaut und bestimmt
etwas Treffendes und Unge­heures zu sagen gewusst. Denn dass sich Leben und Tod, leben, sterben
und auferste­hen, Anfang und Ende in unserer Betrach­tung der drei Bildern so nahe gekom­men sind,
ist sowohl erleichternd und erlösend, als auch beängstigend und ungeheuer­lich. „Nichts ist ohne sein
Gegenteil wahr“, diese außerordentliche und ungeheure, den Baum des Wissens sozusagen „auf“lösende
(erlösende?), Einsicht des Robert Walser könnte auch von Martin stammen.

 

Am Ende der Anfang.

 

Die erwachende Seele ruht in der Stille einer solchen Sprache bis sie von der Stille selbst erreicht wird,
im Zentrum ihres Verlangens, im Kern ihres Heimwehs, in ihrem ganzen Wesen.

♣ ♣ ♣

 

Doch das Leben bleibt nicht stehen, die Bilder kommen und gehen, der Stein der fließt, ruht nicht,
ist aber auch nicht ruhelos. Es bereitet sich vor (in mir, außer mir, in Gedan­ken, in gedachten Worten,
beim Lesen, beim Schreiben, beim Streiten und Kämpfen) ein weiteres Bild, diesmal auf schwarzem
Karton. Es wird den einen Strom zeigen, der sich in die vier Ströme trennt, und es wird „in Kontakt“
mit diesem eins zu vier Verhältnis die beiden Lebenskurven zeigen. Denn sie berühren sich ja in dem
einen Punkt, der im lin­ken Bild der „Höhepunkt“ ist und im rechten Bild der „Tiefpunkt“. Sie haben
Kontakt miteinander. Wozu? Damit nicht das rechte Bild sich überhebt und sich als Ideenreich,
Phan­tasiewelt, Wolke sieben rosarot, hassliebt und liebhasst, und auch damit nicht das linke Bild sich
als „die“ Realität und einzige Wirklichkeit vorkommt (und als solche liebhasst und hassliebt), sondern
damit wir erkennen, wo wir „stehen“. Hier stehen wir, aber was ist das: hier? Die Überlieferung sagt,
du Mensch stehst mit den Füßen (rega­lim) auf der Erde (arez) und reichst mit dem Haupt (rosch) in
die Himmel (schamajim). Ja, so können wir es sagen, so können wir es vielleicht auch zeichnen und
malen, so können wir es uns ersehnen, und doch sind wir alle – als Mensch eben – auch abge­schnitten
von dieser Einheit.

Im Grunde zeigt das ja bereits das Bild der beiden Bäume: die Trennung durch das krei­sende Schwert
und den Keil, den der aufragende Phallus zwischen die beiden Bäume treibt. Es gelingt mir einfach nicht,
das Treiben all derer, die dem Wissen verfallen sind, gelassen zu betrachten und mit der Kraft des
Lebensbaums sein zu lassen. Immer wieder lasse ich mich stattdessen hinein ziehen, bin dann nicht
mehr hier, sondern bin dem Wissen (und Unwissen) verfallen. Dem Streit zwischen Erde und Welt.
Unstet und flüchtig. Das neue Bild sucht den Weg – heraus aus der Verfallenheit, hinein in die Bewegung.

Und siehe da: Tatsächlich Achterbahn! Eine liegende Acht! Allen Mathematikern unter uns als Symbol
für „Unendlichkeit“ bekannt. Mathematiker, d.h. vom griechischen Wort her Schüler, sind alle. Indem
jeder auf die ein oder andere Weise in diese „ewige Wiederkehr“ eingebunden ist und jeder auf seine

Bildschirmfoto 2016-08-01 um 16.47.44

Weise und in seinem Leben bzw. im jeweiligen Lebensabschnitt nach einem „Ausgang“ sucht. Im Bild
angedeutet durch den einen goldenen und die vier hellgrauen Balken. Der Ausgang ist natürlich der
Hinein­gang, das Erdulden des Kreuzes in der Mitte, das ja gar kein Kreuz ist, sondern ein Kontakt.

Der Ursprung – ein Geschehen aus der Ewigkeit, aufgehoben beim Vater. Der Ursprung – ewige
Wiederkunft: noch Nietzsche kannte das Wort. Und wir, die wir das Wort nicht mehr kennen, also
auch Martin,  dürfen es mit Weinreb und der Überlieferung neu lernen.