Wozu

Zeigen, wie man gelebt hat.
Wem man begegnet ist.
Wer einen beeinflusst und geprägt hat.
Sich selber zeigen,
aufhören sich zu verbergen. Endlich.

Zeigen, wie man
aus dem Käfig des man entkam,
aus dem Käfig des „Man tut das nicht!“
und aus dem Käfig „Aber das macht man doch so!“,
und wie man ansprechbar wurde:
zeigen, wie aus dir ein Gegenüber, ein Partner
herausbrach. Ein Frühlingstraum.

Zeigen, wonach du strebtest.
Zeig ruhig, was du erreichtest. Und wie!
Das kann sehr bedeutsam sein — für mich, dein Gegenüber.
Was dir lieb und teuer war, zeig. Was dich erfüllt
und beherrscht hat, was du lernen „durftest“.

Zeuge sein. Fürs eigene Leben der einzige Zeuge.
Ob du gerne lebtest. Bisher.
Ob es dir vergönnt war gern zu leben.
In welche Turbulenzen du geraten bist.
Wie du dich da bewährt hast …
und wenn nicht, wie du durchkamst.

Einfach nur durchkamst.

Sonst wärst du ja nicht da.
Wie wenig du durchblicktest. –
Auf Ausnahmen ist doch jeder gespannt.

odysseus_und_penelope_

Odysseus, der 20 Jahre von zu Hause weg war, unterhält sich
mit seiner Frau
Penelope, die ihn nicht erkennt.

Und ein „Ich“ gab es auch.
So sieht es wenigstens aus, denn mit dem „Ich“
beginnen die großen Fragen, unlösbar allesamt,
aber eben deshalb zu jenen „schönen Gesprächen“ anregend,
in denen wir – ein Du, ein Ich – diese Fragen bewegen…
und uns mit ihnen.

Zu sich selbst kommen / außer sich sein,
zwei Ereignisse, über die zu sprechen uns gut tun wird.

Und die Frage „wozu“.
Im Sinne eines „wohin“ (wird das alles noch führen).
Und wenn diese Frage aufkommt,
dann auch die nach dem „woher“.
Alles was war und alles was sein wird
scheint dazu da zu sein, „jetzt“ zu sagen. Und „hier“.
Jetzt und hier.

Denn zurückschauen soll man nicht!
Dann wäre man wie jene Frau des Lot, namenlos,
die zur Salzsäule erstarrte.

Aber – so schwer für uns aufgeklärte Zeitgenossen! –
wir sollen auch nicht voraus schauen.
Auch das ganze Organisieren hindert daran, da zu sein.
Mal ganz abgesehen davon, dass keiner von uns ein Seher ist,
im Vorausplanen kannst du ebenso erstarren,
wie im Schock des Zurückschauens.
Weder in die Zukunft noch in die Vergangenheit flüchten,
nicht wegschauen von dem, was jetzt und hier ist.

Ich treibe auf den Wassern der Sintflut,
du zweifelst – und jubelst dann doch ob meiner Errettung.
Sie ist ja deine gleich mit.

wenn-man-sich-erinnert

Erinnere dich!

Und die Geschichte des Lebens,
die Geschichte meines Lebens, deines Lebens.
seines und ihres Lebens,
bricht durch zu diesem „jetzo“,
zu diesem Ort des jetzt da seins. Ja ich bin jetzt da,
nicht mehr verstrickt im Vergangenen
nicht mehr gebannt vom Kommenden,
herausgezogen aus den Wassern der Zeit,
bin ich geborgen im Wort.

Die Geschichte anschauen,
mitten im Herzen Mitgefühl mit sich selbst
und mit ihm und mit ihr. Und mit uns.
Alles anschauen. Es sehen. Nochmal und nochmal.
Nicht ausbrechen aus dem Sehen,
nicht ausweichen in die Bewertungen,
die der Verstand bereit hält – als Abkürzung angeblich.

Es braucht keine Abkürzung zum Jetzo.

Es gibt keine. Vergangenheit und Zukunft
sind nur der Stoff, der dich zur Besinnung bringt,
auf dass du dich besinnst, was dein Leben von dir verlangt.

Now and here.

baum-des-lebens

Jetzt und hier, spricht der Baum des Lebens.

Louis Lau, Oktober 2011 / November 2016