Sein Leben anschauen

Doch ein ungeprüftes Leben ist für den Menschen nicht lebenswert.
(Sokrates)

ὁ … ἀνεξέταστος βίος οὐ βιωτὸς ἀνθρώπῳ

Das Verbum zu diesem Wort anexétastos heißt etazo und bedeutet prüfen.
Mein altes etymologisches Wörterbuch erkennt die Herkunft aus den Eigen-
schaftswörtern etos und etymos, die beide wahr und wirklich bedeutet. Das
geht schon etwas weg von unseren automatischen Gedanken zum Ereignis
einer „Prüfung“ hin zu einer Übersetzung die lautet: Ein unwahres Leben ist
kein lebenswertes (d.h. kein wahres) Leben.

Ein Paradoxon. Oder sogar bloß eine Tautologie? Ich denke, und ich glaube,
auch Sokrates hat so gedacht und gelebt, dass jeder Mensch im Prinzip danach
strebt, seine Wahrheit in die Welt zu bringen. Seine Freude, seinen Ernst, seinen
Witz, seine Schönheit, seine Art sich zu bewegen, seine je besondere Art der Ruhe.
Und natürlich auch seine Art, den Lebensunterhalt zu bestreiten, ohne dass dies
schon das „wahre Leben“ selbst wäre.

Die weit verbreitete Art und Weise, das Leben mit Arbeit und Beruf und Konsum
und Reproduktion zu identifizieren, ist kein „wahres Leben“: noch jede junge
Generation im 20. Jahrhundert hat dies klar gewusst, bevor sie verführt wurde
und die Prüfung nicht bestand.

Aber hier kommt die gute Nachricht: Sie können (und du kannst) diese Prüfung
hier nachholen – hier: unter den Fittichen der Memoirenwerkstatt, kannst du dein
Leben anschauen und alles, was war, wiedergeben, um dann die Spreu vom Weizen
zu trennen. Der Weizen wäre eben dann das „wahre Leben“, Momente, in denen Sie
so waren, wie Sie es in Ihren Träumen sein wollten, in denen du du selbst warst.
Momente, in denen du dem Himmel nahe warst, und wenn es so war, dann immer
noch bist.

So dass dann am Ende (für Sie, für dich) vielleicht doch nicht nur eine „verneinende
Aussage“ steht (… kein wahres Leben), sondern es lauten darf: Ich habe mein Leben
geprüft und jetzt finde ich es lebenswert.

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„Unter dem Dach der Arche“