Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

 

Jede Blüte, jede Jugend, jede Weisheit, jede Tugend – sie alle kommen wie
eine Stundenblume, schauen uns an und erfreuen unser Herz, das sich dann
zusam­men­zieht und krümmt vor Schmerz. Abschied! Bestimmt nichts, was
unsere Intuition mit „Gesundung“ verbindet.

So sagt die letzte Zeile des Gedichts also etwas aus, dem wir eigentlich gar
nicht zustimmen können? Jedenfalls nicht, wenn ein Abschied naht oder vor
kurzer Zeit geschah.

Sogar die Todesstunde wird in die Gedanken des Gedichts miteinbezogen.
So gesehen legt uns das Gedicht nahe, jeden Abschied (auch) als Todesstunde
zu erkennen. – Warum aber denken wir beim Wort „Abschied“ immer gleich
an Verlust und Trauer? Nun, warum auch immer, ich meine, es ist nicht
berechtigt, und ich meine auch, wir sollten anders hinschauen. Da war zum
Beispiel der Abschied von einem sehr großen Steinwall, der sich mitten durch
die Hauptstadt eines Landes mitten in Europa zog. Der „eiserne Vorhang“
wurde abgerissen und ist heute nur noch Erinnerung; sehr viele Menschen
rieben sich die Augen und sagten „ach, wie toll, dass ich das erleben darf!“
Der Abschied von den Diktaturen, in Spanien und Portugal, aber eben auch
in Deutschland – und hier sogar zweimal: ein Abschied, der viele froh stimmt.

Also: nicht nur verstimmt, nicht nur traurig. Mir scheint, dieses Gedicht
möchte uns in eine neue Stimmung versetzen, in der wir uns nicht mehr
abhängig wähnen von solchen Stimmungen. Jetzt bin ich froh, gestern war
ich traurig, und so fort bis ans Ende der Tage – das kann doch nicht das
Wesentliche sein! Das Hin und Her der Stimmungen wird zwischen den
Zeilen indirekt sogar als „krank“ bezeich­net. Gesund wirst du erst, wenn
du Abschied nimmst von deiner Stimmungsabhängig­keit.

Lass sie! Lass aber auch die Hektik und Gier nach immer neuen Sensationen!

Und was dann?

Hab keine Angst, fürchte dich nicht, vertraue dem Leben und seinem Herrn.
„Der Weltgeist“ sagt das Gedicht an einer Stelle. Wohlan, nimm auch davon
Abschied und von allen zukünftig dir erscheinenden Geistern und Göttern
auch, auch vom Geist des Atheismus natürlich und warte in Liebe, was dann
noch kommt…

Und erzähl‘ davon!

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Louis Lau, 19. Juli 2016