Engel des Hauses, kommt! in die Adern alle des Lebens,
Alle freuend zugleich, teile das Himmlische sich!
Adle! verjünge! damit nichts Menschlichgutes, damit nicht
Eine Stunde des Tags ohne die Frohen und auch
Solche Freude, wie jetzt, wenn Liebende wieder sich finden,
Wie es gehört für sie, schicklich geheiliget sei.
Wenn wir segnen das Mahl, wen darf ich nennen, und wenn wir
Ruhn vom Leben des Tags, saget, wie bring ich den Dank?
Nenn ich den Hohen dabei? Unschickliches liebet ein Gott nicht,
Ihn zu fassen, ist fast unsere Freude zu klein.
Schweigen müssen wir oft; es fehlen heilige Namen,
Herzen schlagen und doch bleibet die Rede zurück?
Aber ein Saitenspiel leiht jeder Stunde die Töne,
Und erfreuet vielleicht Himmlische, welche sich nahn.
Das bereitet und so ist auch beinahe die Sorge
Schon befriediget, die unter das Freudige kam.
Sorgen, wie diese, muß, gern oder nicht, in der Seele
Tragen ein Sänger und oft, aber die anderen nicht.

Hölderlin, Heimkunft, An die Verwandten (Strophe 6)

Lies! Nimm das Buch und lies! Der Dichter trägt Sorgen, aber er trägt sie für uns.
Er trägt sie, indem er dichtet. Wie werden wir der Freude gerecht? Verstehen wir
eine solche Sorge überhaupt noch? Haben wir nicht bei allem Guten und Schönen,
das uns widerfährt, gleich den Eindruck, es verdient zu haben? Dass wir jemandem
„danken“ könnten, und vielleicht sogar sollten, damit es zu einem schönen Einklang
kommt zwischen den Welten – sagen da nicht die meisten Menschen heute „wie
abwegig“ dazu? Segnen wir noch das Mahl? Bringen wir noch Dank, wenn wir am
Abend ruhen?

Schon der Dichter spürt, wie viel dafür fehlt. Es fehlen Namen, überhaupt die
stimmige Rede. Er denkt an ein Saitenspiel, vielleicht eine Laute, die im Fenster
hängt, und der Nordostwind spielt auf den Saiten. So wie es von David erzählt
wird, der dann aus den Tönen und Klängen die Worte der Psalmen heraushört.
Lieder, in denen ein Mensch seinen sonst verschollenen und unter den Teppich
gekehrten Gefühlen Ausdruck verleiht: Ver­trauen und Zuversicht, Verzweiflung
und Todesangst, Abscheu und Hass, Sehnsucht nach Geborgenheit, Dank und
Preis für den Walter und Bewahrer.

Daran knüpft auch der Dichter seine Hoffnung. Wie außergewöhnlich! Er traut
dem Saitenspiel ja mehr zu als den Worten. Oder, anders gesagt: Seine Sorgen
kann er mit Worten artikulieren, aber die Sorge befrieden, die sich da herein
schlich, kann das Wort allein nicht. Dazu braucht es den Sänger, der allein
uns in die Heimkunft führt.

Heimkunft! Der letzte Ausspruch der Thora ist eine Erinnerung an Moses
(„Und in Israel erstand kein Prophet wie Moses, den der Herr von Angesicht
zu Angesicht kannte…“), das Buch der Offenbarung endet mit einer Erinnerung
an den Baum des Lebens „(Und er zeigte mir einen lauteren Strom des leben-
digen Wassers, klar wie ein Kristall; der ging aus von dem Stuhl Gottes und
des Lammes. Mitten auf ihrer Gasse auf beiden Seiten des Stroms stand Holz
des Lebens, das trug zwölfmal Früchte und brachte seine Früchte alle Monate;
und die Blätter des Holzes dienten zu der Gesundheit der Heiden. Und es wird
kein Verbanntes mehr sein…“). Das Weisheitsbuch des skeptischen Weisen
Salomon endet mit einer Ermunterung („Am Ende läuft alles auf eins hinaus,
preise Gott und tue das Gebotene, aber sei dir klar, dass Gott am Ende alles
und alle richten wird, was sich im Guten verbirgt wird er wieder ganz machen
und was sich im Bösen verbirgt ganz genauso“).

Und der Roman „Doktor Faustus“ von Thomas Mann, zu dem wir hier in
Polling eine innige Beziehung haben, weil die Atmosphäre in Polling im
Roman als dasjenige gezeigt wird, womit sich ein echtes Verständnis auch
für das Abgründige in unserer deutschen Geschichte verbindet, dieser
Roman endet mit den Worten: Gott sei deiner Seele gnädig, mein Freund
und mein Vaterland.

Jetzt also – Heimkunft. Aus dem Exil, aus der Vertreibung, aus dem
Bürgerkrieg, aus dem Rausch des Fortschritts und der Geschwindigkeit,
aus dem Wahn, alles genau benennen und erklären zu können. Heimkunft
in die Stille. Sonntag. Oder Sabbat. Gott selbst ruht. Und in der Stille wird
uns erst klar, wozu wir hier auf der Welt sind.

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Louis Lau, 11. Juli 2016