Griechenland

Wie Menschen sind, so ist das Leben prächtig,
Die Menschen sind der Natur öfters mächtig,
Das prächtge Land ist Menschen nicht verborgen,
Mit Reiz erscheint der Abend und der Morgen.
Die offnen Felder sind als in der Ernte Tage,
Mit Geistigkeit ist weit umher die alte Sage,
Und neues Leben kommt aus Menschheit wieder,
So sinkt das Jahr mit einer Stille nieder.

Mit Untertänigkeit

Den 24t. Mai 1748.                  Scardanelli.

Die Zeilen erscheinen fremd. Den Namen des Dichters – ist er überhaupt einer –
kennt man nicht. Und 1748? Das ist ja noch vor Goethes Geburt, vorklassisch?
Barock also?

Aber lassen wir doch diese von Äußerlichkeiten geprägten Wünsche, alles wissen
und bewerten zu wollen. Immer neu müssen wir uns besinnen, dass wir nicht
mehr in der Schule sind. Lassen wir sie und lesen wir einfach.

Griechenland heißt die Strophe. Also der Ort, wohin Europa entführt wurde.
Wo sie sich dann ansiedelte. Von wo aus das Bestreben und die Fähigkeit,
sich der Natur mächtig zu erweisen, ausging und sich in die ganze Welt verbrei-
tete. Wo der Wunsch, die Natur in ihrem Inneren zu erkennen, aufkam, so
dass sie nicht mehr nur als verborgen und geheimnisvoll und furchterregend
den Menschen begegnete. Kein Erschrecken mehr, wenn die Sonne am Abend
ins Meer sinkt, sondern Vertrauen in das, was der Mensch bereits erlebte
und zu verstehen glaubte.

Auch die Götter, so unberechenbar und mächtig sie sind, sind Teil einer
größeren Ordnung; auch sie müssen sich in ein universelles Gesetz fügen.
Der Mensch wird so als ein den Göttern Ähnlicher gesehen, und als solcher
auch als Widersacher der Götter. „Die alte Sage“ – das sind die Geschichten
vom Anfang, als Krieg herrschte unter den Göttern, als Väter und Söhne im
Kampf miteinan­der waren, einer sich sogar vor seinen eigenen Kindern
fürchtete und sie deshalb verschlang. Die Menschen wurden hineingezogen
in die Kämpfe der Götter, um bald von dem einen Gott verfolgt und von einer
anderen Göttin beschützt zu werden.

Diese alte Sage ist im Gedicht mit „Geistigkeit“ umgeben. Es will sagen:
wir verstehen nun, worum es sich bei diesen alten Geschichten handelt
und indem wir es verstehen und inniglich nachvollziehen und auf unsere
Weise auch selbst erleben, verlieren sie ihren Schrecken. Der Blick, der
den Menschen zu Stein verwandelt, kann mit Hilfe des Spiegels („Geistigkeit“)
zurückgespiegelt werden. Wir verstehen das Alte nun anders: es hat selbst
eine Geschichte, in die es ver­strickt ist und die es unverdaut und ungefiltert
an die nächsten Generationen weitergibt.

Dieses Gedicht sagt in wunderbarer Klarheit nein zu einem solchen Erbe.
Es sagt nein ohne sich lange mit Widerspruch aufzuhalten: Da ist die „alte
Sage“, die von den Menschen nun mit neuem Leben erfüllt wird. Die Men-
schen verstehen nun die alten Geschichten, alle alten Geschichten, also
auch die des eigenen Lebens, als Bilder. Sie können nun einen Schritt
zurück treten und sehen, dass es nicht die Wirklichkeit selbst ist, die sie
sehen. Sie werden sich klar, dass die Bilder uns etwas klar machen können.

Was? Was wird mir klar, wenn ich die Überlieferungen der Menschheit,
die Weltliteratur, all die Geschichten von Göttern und Menschen, als Bild
wahr­nehme? Der Dichter sagt es: dann sinkt das ewige Hin und Her und
Auf und Ab des Lebens („das Jahr“) in einer Stille nieder. Auf einmal bin
ich im „Aller­heilig­sten“, in der Stille inmitten des Getriebes.

***

Scardanelli – so nannte sich Hölderlin manchmal in der Zeit seines
Wahnsinns. Seinen Zustand „Wahnsinn“ zu nennen, ist aber nur eine
Rekapitulation der „alten Geschichten“. So bleiben wir im Hin und Her
von Abscheu und Anziehung gefangen. Können wir den Wahnsinn mit
„Geistigkeit“ umhüllen? So dass er nicht mehr so nackt dasteht – und
wir nicht ebenso nackt mit ihm? Lasst uns dem Wahnsinn einen „Leibrock“
umlegen, so wie auch Gott der Herr dem Men­schen und seiner Frau
einen Leibrock nähte, als sie sich nackt fühlten (Genesis 3,21) und sich
schämten. Dann kommt die Stille, sie erfüllt uns wie einen Säug­ling,
der von der Mutter der Amme  gestillt wurde.

***

Louis Lau, 8. Juli 2016