Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht an’s Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, in’s Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet’s nicht, sie ist es müd’;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flücht’gen Stunden gleichgeschwung’nes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Eduard Mörike

Gelassen – das möchte man gerne sein. Aber man schafft es nicht.
Zu viele Ansprüche, Verpflichtungen, Erwartungen. Man muss
mitmachen im Rad. Um Mitternacht aber kommt das Andere herauf,
„die Nacht“ sagt das Gedicht zu ihm. Wer ist diese Nacht? Die andere
Seite des Tages? Die sich sehnt nach Geschichten vom Tag, der „gewesen“
ist? Die den Klang von des Himmels süßer Bläue im Ohr hat? Woher nur,
woher kommt ihr dieser Klang?

Mutter nennt er sie auch. Dann wäre also der Tag, der heute gewesene
Tag, der Vater? Der uns die flüchtigen Stunden beschert, das Joch des
immer wieder­keh­ren­den Gleichen, das wir gerade noch ertragen?
Ertragen, aber nicht lieben?

Erzählt uns das Gedicht also von den zwei Seiten des Lebens? Dass alles,
aber auch alles, diese zwei Seiten hat, gelassen und besorgt, träumend und
im Joch der Fron. Und was die Mutter dann sieht, die goldne Waage der Zeit,
deren Schalen nun still ruhn, und also im Gleichgewicht sich befinden, das
wäre eben der Aus­gleich der Gegensätze? Mütterlich gelassen und väterlich
besorgt, nächtlich träumend und täglich bekümmert – jetzt sind die Seiten
in Balance. Sie tanzen miteinander. Tanzen beruhigt.

Und nun aber die Quellen! Keck rauschen sie hervor. Singen der Mutter ins
Ohr. Behalten das Wort. Und singen im Schlafe noch fort. Wovon singen sie?
Vom Tage. Vom Vater also? Aber wenn vom Vater, dann wohl auch von den
immer gleichen Stunden im Joch der Sorge? Aber nein, sondern von der
Bläue des Himmels singen sie, die das immer gleiche Schlummerlied der
Arbeit und Sorge übersteigt. Eine Öffnung ins Blaue bereithält, so dass wir
nicht im Joch ersticken.

Die Quellen … die Ursprünge … die Erstlinge. Die Originale. Wenn wir selbst
neu sind, spontan und ursprünglich, und es uns egal ist, was man sagt. Weil
die Quellen, mögen sie klein oder groß sein, nie peinlich sind, auch nie gegen
eine herrschende Ordnung aufbegehren. Sondern einfach nur Quellen sind.
Was aus ihnen wird, ist unsere Sache. Unsere Sorge. Aber ihr Hervorquellen
ist der Quell unserer ganzen Lebensfreude.

Das Gedicht hat aus dieser Quelle getrunken und schenkt uns daraus ein.

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Louis Lau, 2. Juni 2016