Ode an die Freude

O Freunde, nicht diese Töne!
Sondern lasst uns angenehmere anstimmen
Und freudenvollere!

Freude schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische dein Heiligtum!
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Froh, wie seine Sonnen fliegen
Durch des Himmels prächt’gen Plan,
Laufet, Brüder, eure Bahn,
Freudig, wie ein Held zum Siegen

Seid umschlungen, Millionen
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Bruder! Über’m Sternenzelt
Muss ein lieber Vater wohnen
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such‘ ihn über’m Sternenzelt!
Über Sternen muss er wohnen.

Schiller, Ode an die Freude (Auszüge)

Ahnest du den Schöpfer, Welt? Du wunderbare und kleinlaute, du bunte
und ergraute, du junguralte, dummdreistweise, engängstliche und großweite
Welt. Wunderst du dich gar nicht, dass du Freude erleben kannst, dass dir
die Freude unter die Haut geht, sie dich durch und durch erfüllt? Dieses
Lied von der Freude ist sogar die Hymne Europas geworden. Weiß Europa
von der Freude? Sie wurde doch entführt. Ein großer Gott, vom kleinen Gott
Eros überwältigt, überwältigte in Gestalt eines weißen Stiers das Mädchen.
Sie stand große Ängste aus, ein Geburtsmerkmal des kleinen Kontinents,
das ihm treu blieb.

Wir haben die Freude gesehen – als die Mauer fiel, die Europa teilte.
Als vor einem Jahr so viele aus ihren Wohnungen heraus kamen, um die
Flüchtlinge willkommen zu heißen.

Als Deutschland ein Sommermärchen erlebte und die alte Steif- und
Verbissenheit abfiel … hey, auch wir sind ein bisschen locker.

Und als wir von einigen Juden aus der ganzen Welt hörten, dass sie unsere
Bemühungen achteten, die Vergangenheit anzuschauen und zu bereuen,
da weinten wir Freudentränen.

Unzertrennlich gehört zur Freude die Trauer: das Mitgefühl mit allen,
die dem Terror zum Opfer fielen und fallen, die Trauer, weil es keinen
Frieden gibt in dieser Welt. Deshalb brauchen wir ja die Dichtung und
die Erzählung und die Erinnerung: dort träumen wir vom Frieden und
von der ungetrübten Freude.

Den Frieden auf die Welt zu bringen ist eine Sache der Hoffnung.

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Louis Lau, 7. Juli 2016