Es geschehen lassen
Dass dir schwindlig wird.

Schwindel außen und innen,
oben und unten,
dreh dich, nenn es tanzen,
bis alles in dir sich dreht.

Hör auf etwas festzuhalten,
lass alles eingehen
in den Schwindel,
selbst wenn dir schlecht wird –

es gehört zum Schwindel dieser Welt.

Gehörst du etwa nicht zu ihr?

Hör auf von falsch und richtig zu faseln,
es ist alles nur Teil des Schwindels,

der dich nun ereilt.

Du weißt nicht was geschieht?
Du weißt nicht was dir geschieht?

Das Leben selbst kommt dir nah,
es opfert sich auf dem Altar deines Leibs.

Vor drei Jahren (2013) entstanden, weil der Autor Schwindelanfälle hatte.
In der Reihe dieser 50 Gedichte steht es als Ergänzung zum vorhergehenden
Mondgedicht, in dem einer so schön und so beharrlich darauf pocht, hier –
und das heißt inmitten der Landschaft, in die er hineingeboren oder ver-
schlagen wurde, selig sein zu dürfen.

Von einer solchen Gewissheit ist in diesem Schwindelgedicht keine Spur
mehr übrig. Hier wird im Gegenteil darauf beharrt, alles sein zu lassen,
wie es nun eben einmal kommt, geradezu fatalistisch mag es einen Leser
anmuten.

Sich nicht wehren, nichts festhalten, aufhören, die Ereignisse zu bewerten
und zu glauben, man wüsste, was geschieht.

Am Schluss eine verwegene Behauptung. Das Leben selbst zeige sich in
diesen Anfällen. Geradezu eine Epiphanie also.

***

Und welcher Gott? Natürlich der Gott der Schwindler. Hermes. Merkur.
Im Zulassen und Geschehenlassen zeigt sich jedoch auch der Gekreuzigte.
Die Narrheit des Kreuzes, wie Paulus immer wieder dazu sagte. Die ihm
das Leben brachte. Das ewige Leben. Eine Schwester des seligen Lebens,
von dem Goethe („der Olympier“) träumte.

***

Louis Lau, 8. Juli 2016