Ein kleines Lied, wie geht’s nur an,
Daß man so lieb es haben kann,
Was liegt darin? Erzähle!
Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig Wohllaut und Gesang
Und ein ganze Seele.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Das Zauberwort – kennen wir Heutigen überhaupt noch Zauberworte?

Und wenn, wer kennt sie noch? Die Gelehrten? Gibt es überhaupt noch
Gelehrte? Oder nur noch Wissenschaftler? Gschaftlhuber – wie man hier
im Oberland im Schatten der Zugspitze gerne sagt. Alles muss nützlich sein
– wofür fragt gar keiner mehr. Es scheint sich von selbst zu verstehen.
Um reich und glücklich, einflussreich und anziehend zu werden. – Ich
schaue mich um unter den vielleicht dreihundert Menschen, die ich kenne,
ein paar sind reich, ein paar zeigen Anzeichen von Glück und Licht – reich
und glücklich, einflussreich und anziehend ist kaum einer. Also, wenn ihr
mich fragt, hier scheint etwas ganz grundsätzlich verkehrt zu laufen.

Aber dann merke ich, wie ich selber zu dem werde, was ich da anprangere
und muss noch einmal in mich gehen. „In mich schlagen“, heißt es in
Luthers Übersetzung der Geschichte vom sogenann­ten Verlorenen Sohn.
Muss mich erinnern an eine Karikatur, in der es im weitesten Sinn auch
um den Sinn des Lebens ging, um Klang und Wohllaut und Gesang, um
das verkehrte Wesen, und wie man es fortjagen kann. Und dann ein
Ausbruch der Heiterkeit.

do-you-ever-think

„Denkst du auch manchmal daran,
dies alles loszulassen und dich in ein
Leben gedankenlosen Genießens
zurückzuziehen?“

Das Zauberwort, lasse alles sein, höre auf, dem Glück oder dem Erfolg
oder dem Ansehen und der Macht nachzujagen, und höre auch auf, dem
Loslassen nachzujagen. – Ja, aber dann könnte ich ebenso gut genauso
weiter leben wie bisher? – Zwei Manager, abends in der Bar, Porsche und
Ferrari stehen vor der Tür: „Denkst du auch manchmal daran, dies alles
loszulassen und dich in ein Leben gedankenlosen Genießens zurückzuziehen?“

Das Zauberwort: werde dir klar, wer du bist. Und wer der andere ist, mit
dem du sprichst. Dass alles noch einmal ganz anders ist: die singen oder
küssen, können genauso beißen wie die eifer­süch­tigen Gelehrten, Märchen
und Gedichte können ebenso selbstsüchtig sein wie psychologische und
organisatorische Ratgeber. Lache! Über dich selbst! Und dann weine,
mindestens eine ganze Stunde lang. So viele nicht geweinte Tränen!

Weine und lache Freudentränen, ein ganz großes Zauberwort. Wirf deine
Angst in die Luft  und trau keinem über dreißig, auch wenn du selbst schon
achtundsechzig bist, trau den Besserwissern und Erklärern der ganzen
Unübersichtlichkeit kein Jota – und dann wirf deine ganze angemessene
Angst vor ihnen noch einmal in die Luft, erinnere dich, dass sie vormals
„Pharisäer und Sadduzäer“ hießen – und was geschehen soll, ist schon
vollendet. Nimm dein Kreuz und geh. Hab keine Angst vor dem Pathos
und nicht vor denen, die Angst vor dem Pathos haben – es ist nur Verlust
des Mitgefühls. Empathie.

Und dann geh und fürchte nichts, schon gar nicht fürchte das Opfer des
Verstandes, er wird als Vernunft auferstehen. Als Vernunft der Liebe
und des Mitgefühls. Lass uns Barmherzigkeit sagen! Alles Gute, das dir
und mir geschieht, die Geduld zum Beispiel, die wir miteinander haben,
kommt uns umsonst, also gratis, und somit vollkommen unverdient.
Eine stille Revolution.

***

Louis Lau, 30. April 2016