Der Sommer

Das Erntefeld erscheint, auf Höhen schimmert
Der hellen Wolke Pracht, indes am weiten Himmel
In stiller Nacht die Zahl der Sterne flimmert,
Groß ist und weit von Wolken das Gewimmel.

Die Pfade gehn entfernter hin, der Menschen Leben,
Es zeiget sich auf Meeren unverborgen,
Der Sonne Tag ist zu der Menschen Streben
Ein hohes Bild, und golden glänzt der Morgen.

Mit neuen Farben ist geschmückt der Gärten Breite,
Der Mensch verwundert sich, dass sein Bemühn gelinget,
Was er mit Tugend schafft, und was er hoch vollbringet,
Es steht mit der Vergangenheit in prächtigem Geleite.

Friedrich Hölderlin

Hölderlin, der Dichter, zu dem sich so viele, extrem unterschiedliche Menschen
bekannt haben, den sowohl Gute wie Böse lieben, auf dessen Weide das Lamm
neben dem Löwen weidet. Zum langsam sich nähernden Ende dieser 50 Gedichte
fallen wir auf ihn zurück. Er soll unseren Plan, die Dichter als Zeugen für das
Erzählen und Erinnern des Lebens aufzurufen, zu Ende bringen.

Der Sommer des Lebens – egal ob du schon vierundneunzig oder erst acht­und-
sech­zig Jahre alt bist. Und sogar als Zweiundzwanzigjährige kannst du schon etwas
vom Sommer des Lebens ahnen, jedenfalls mit Hilfe dieses Gedichts. Ich muss
mich beim Lesen immer fragen: Woher kommt dem Dichter das alles? Wie kann
er das alles so ineinander und zusammen führen?

Er beglückt uns mit Bilder eines gelingenden Lebens – grundverschieden von
einem erfolgreichen und anstrengenden und beneidenswerten Leben.

Das Erntefeld, die helle Wolke, der weite Himmel, die flimmernden Sterne.
Die weit hin gehenden Pfade,  das Fahren übers Meer, der Sonne Tag.

Neue Farben in breiten Gärten, der staunende Mensch, im Einklang mit der
ganzen Vergangenheit.

Gewiss – man muss Dichter (oder Musiker und Mystiker, Prophet und Weiser)
sein, um das Leben und die Geschichte des Menschen und der Menschheit so zu
sehen. Ein Historiker kann das nicht – jedenfalls nicht, wenn er nur Historiker ist.

Der Mensch verwundert sich, dass sein Bemühn gelinget – da schaut er aber
tief in die Seelen hinein, die doch so gerne als Alleskönner und Tausendsassas
erscheinen. Die alles trainieren und üben und coachen und professiona­lisie­ren,
bis sie alles können und tatsächlich glauben, sie hätten ihren Stand und ihren
Rang und ihr Ansehen verdient. Jener Bodensatz der Seele, bis zu der der Dichter
schaut, weiß sich verbunden mit einer größeren Welt, weiß, dass alles Bemühen
Stückwerk und alles Streben „eitel“ (nichtig) ist.

Er wundert sich heißt deshalb hier auch so viel wie er freut sich wie ein Kind.
Es hätte ganz anders kommen können. Ich zum Beispiel, ich sitze hier und schreibe
diese Danklieder an unsere Dichter (deutsche, chinesische, amerika­nische, hebrä-
ische, polnische Dichter – stellvertretend für die Dichter aus allen Völkern und
Sprachen), während mein älterer Bruder nicht mehr hier ist, sondern schon im
Alter von drei Monaten wieder weggenommen wurde. Da kann sich ein Mensch
doch nur wundern und alle Ideen an ein selbst­bestimmtes Leben getrost dem
Meer des Lebens übergeben.

Und sich wundern heißt sich freuen und das ist dem modernen und erschöpften
und wütenden Menschen das größte Wunder. Am Ende des Sommers stehen
wir zusammen mit dem Dichter auf der Schwelle zu diesem größten Wunder.

Freude …

***

Louis Lau, 7. Juli 2016