Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Joseph von Eichendorff

Das Wort Holocaust, das heute auf der ganzen Welt in der Bedeutung von
„Völkermord“ verwendet wird, stammt aus der lateinischen Bibel, und zwar
aus der Übersetzung eben jener Geschichte, mit der wir in den beiden vor-
her­gehenden Abschnitten gerungen haben. Bringe mir deinen Sohn … als
Ganz­opfer dar, sagt der Herr, und eben dieses Ganzopfer heißt im Latein-
ischen holocaustum. Von Opfer und von Opfern wollen wir heute partout
nichts mehr wissen, „du Opfer!“ ist heute ein gehässiges, schlimmes
Schimpfwort unter Jugendlichen.

Ausnahmslos jeder Mensch hat in seinem Leben Dinge erlebt, von denen er
glaubte, sie nicht überleben zu können. Und ob es ihm bewusst war oder nicht
– heute geschieht es fast immer vollkommen unbewusst – er hätte diese
Dinge als eine Prüfung erleben können, so wie Abraham jene schreckliche
Prüfung, seinen Isaak zu opfern. Was heißt überhaupt opfern? Korban heißt
das hebräische Wort, vom Stamm k – r – b, der näher kommen bedeutet.

Ach so.

***

Und wenn es so wäre, wie der Dichter sagt, dass wirklich ein Lied in allen
Dingen schläft, dann natürlich auch in jenen Dingen, an die man beim Hören
dieses Gedichts zuletzt denkt. Das Lied in einem Ding namens Ganzopfer,
das Lied in einem Ding namens Holocaust. Oder klingt das erschreckend
und irr­sinnig für unsere ach so vernünftigen Ohren? Was für ein Lied kann
so ein schreck­liches Ding wie ein Völkermord enthalten? Aber, umgekehrt:
Wenn es auch nur ein Ding gibt, das sich nicht von innen her in ein Lied
und also in etwas Schönes und Sinn­reiches verwandeln ließe, dann hilft es
uns auch nicht, dass in der Liebe und in der Freundschaft und in der Sorge
für den Nächsten ein bezauberndes Lied schlummert. Auch und gerade das
Böse ist in diesem Gedicht gemeint! Auch und gerade das Böse will erlöst
werden, das weiß ich. Woher? – Von mir selbst.

Und was für ein Wort wäre das dann? Ein Zauberwort, sagt er. Können wir
noch zaubern? Dichter zum Beispiel – können Dichter heute noch zaubern,
so wie der Dichter Eichendorff in diesem Gedicht zaubert? Treffen sie die
Dinge noch an jener empfindlichen Stelle – wie der Pfeil ins Schwarze – so
dass sie dann wie von selbst zu singen anfangen? Aber das Gedicht spricht
gar nicht die Dichter an – sie haben nach Auffassung des Dichters kein
Vorrecht auf das Zauberwort! Du – bist angespro­chen, also ich und du, auch
er und sie dort drüben in der zweiten Reihe. Jeder, der sich als du ansprechen
lässt! Du, es ist so schön mit dir. Du, ich würde dir ohne Bedenken mein
ganzes Leben schenken! Du, wir werden es schon schaffen!

Wecken musst du die Dinge – sie schlafen und träumen ja. Wir selbst schlafen,
wir Men­schen, wir schlafen den Schlaf der Selbstgerechten, mehr oder weniger
fast alle und träumen von einem besseren Leben. Von besseren Bilanzen in allen
Bereichen: Bildung, Umwelt, Außenhandel. Freaks träumen. Wach auf du Freak
aus deinem rastlosen Schlaf. Aus deiner Trance, in der du tausend Dinge zugleich
erledigst, aber kein Lied entsteht. Und kein Lied bleibt. Es wird schon so sein,
wie wir es im Tiefsten wohl schon geahnt haben: Nur die ganze Hin­gabe, nur
das ganze Opfer, nur die vollständige Aufgabe all meiner Absichten hat die Kraft,
ein Du in seiner Mitte zu erreichen. „Ich habe Freude an dir“ ist mein Zauberwort.

***

Louis Lau, 14. April 2015