KLEINE ANZEIGE

ICH LEHRE das Schweigen
in allen Sprachen
nach der Methode der
Betrachtung
des Sternenhimmels,
der Kiefer des Sinanthropus,
der Heupferdchensprünge,
der Säuglingsnägel,
des Planktons,
der Schneeflocke.

Wislawa Szymborska

 

 

Zum zweiten Mal erscheint die KLEINE ANZEIGE unter der Überschrift
„Von den Dichtern lernen.“ Warum diese Wiederholung? Schon Hölderlins
„Im Walde“ wurde wiederholt. Ist das eine Unterwerfung unter die alte
Sentenz, dass die Wiederholung die Mutter allen Lernens sei?

Es ist aber gar keine wirkliche Wiederholung. Im Prozess des Hindurch-
gehens durch die verdichteten Erkenntnisse, durch Zauberworte und
durch die in den Dingen schlafenden Lieder, durch ein immer klarer
gefühltes „stirb und werde“, dem das Wort „Opfer“, ja sogar „Ganzopfer“
beigesellt wurde… durch all das kam uns Hölderlins Hinweis auf die Sprache
als „der Güter gefährlichstes“ unbeschreiblich nah. Innig eben.

Die Gefahren einer Sprache, die sich verselbständigt und sich als herstellbar
und verfügbar wähnt und mit der der homo faber alles sagen zu können glaubt,
was er will, sind für immer in der Erzählung des Turmbaus eingefangen.
Wir werden verlassen vom Wort, mit dem wir uns verständigen könnten.
Der eine sagt „Liebe wird die Welt retten“, der andere versteht, dass er nun
tun und machen kann, was er will. Jemand sagt „Wir schaffen das“ und eine
aufgebrachte Menge sieht ihre Besitztümer in Gefahr. Ein Dritter ruft „Aus-
länder raus!“ und erschreckend viele johlen Hurra.

Die Poesie antwortet mit dem Hinweis auf das Schweigen. Sie entdeckt
die Hoffnung auf ein neues Heilwerden im Schweigen – im Insichgehen, in
der Einsicht. 

huette-allein-paula-darcy

Ich lehre das Schweigen in allen Sprachen … sagt das Gedicht unverdrossen.
Ich lehre einen neuen Raum, ich zeige euch, dass viel mehr Raum da ist, als
ihr befürchtet. Wenn im ersten Durchgang  gesagt wurde, ihr müsst neu
anfangen, unsere Welt zu denken, so heißt es nun, ihr könnt neu anfangen.
Ihr könnt es, auch wenn ihr euch ohnmächtig und verraten vorkommt. Der
neue Anfang und mit ihm die neue Welt ist nur einen Atemzug entfernt.
Besser gesagt: nur eine Lücke zwischen dem Ausatmen (des Alten) und
dem Einatmen (des Neuen) entfernt. In dieser Lücke kann das Neue
geschehen, „dieses Ding namens Angst fällt für immer und ganz wirklich
von dir ab.“ (Dazu gehört die Geschichte „Alles ist ganz anders“ unter der
nächsten Überschrift „Was beim Erzählen der Lebensgeschichte passiert.“)

◊ ◊ ◊

Das Schweigen ist die Kraft, die dann in all den Gefahren, denen wir aus-
gesetzt sind, und in die wir uns durch unsere geschwätzige Lebensweise
bringen, doch rettet. Es ist das Kleine, das Geringe, das Minderwertige –
und es rettet natürlich nur, wenn es ohne Absicht geschieht. Ohne saures
Gesicht. Das ist die Grundgefahr: Alles wollen wir machen, wenn es denn
sein muss auch das Kleinsein und das Schweigen. Doch alle Dichtung zeigt
immer wieder nur: zu machen ist es nicht. Es kann aber geschehen.

Zu guter Letzt kann dann wieder gesagt werden: Es kann geschehen, und
wenn im Schweigen, dann erst recht im Sprechen.

Es werde Licht.

◊ ◊ ◊

Louis Lau, 6. Oktober 2016