Im Walde

Aber in Hütten wohnet der Mensch, und hüllet
sich ein ins verschämte Gewand, denn inniger
ist achtsamer auch und daß er bewahre den Geist,

wie die Priesterin die himmlische Flamme,
dies ist sein Verstand.
Und darum ist die Willkür ihm und höhere Macht
zu fehlen und zu vollbringen dem Götterähnlichen,
der Güter gefährlichstes, die Sprache dem Menschen
gegeben, damit er schaffend, zerstörend, und
untergehend, und wiederkehrend zur ewiglebenden,
zur Meisterin und Mutter, damit er zeuge, was
er sei geerbet zu haben, gelernt von ihr, ihr
Göttlichstes, die allerhaltende Liebe.

Friedrich Hölderlin

 

 

Dass die Poesie uns wieder verbinde mit unserem eigenen Ursprung, nachdem
sie uns auch gezeigt hat, dass wir ihn verloren haben – das ist der Wunsch, die
Hoffnung und der Glaube dieser ganzen Unternehmung, „von den Dichtern zu
lernen“.

Auf dass wir neu und frisch verstehen mögen, was die ehrwürdigen und doch
unverständlich gewordenen Formeln vom Königreich Gottes, vom ewigen Leben
und der Aufer­ste­hung von den Toten sagen. Die Poesie als eine zeitgemäße und
uns nahekommende Form der zeitlosen Mystik. – Versteht die europäische
Philosophie (d.h. der europäische Nihilismus) eigentlich, was sie sagt, wenn
sie vom Tod der Metaphysik redet? Nietzsche war noch mutig: er redete direkt
und sprach vom Tod Gottes und wurde darüber „krank“ – war es aber nicht eher
ein Mitleiden mit dem sterbenden Gott und also im Klartext ein Mitleiden mit
den verlassenen und verlorenen Mitmenschen? Den von sich selbst verlassenen
Menschen, die sich dann in zwei Weltkriegen und wer weiß wie vielen Völkermorden
und wer weiß wie vielen Folterungen und Grausamkeiten vor lauter Verzweiflung
selbst umbrachten. – Nicht, dass es zuvor besser gewesen wäre: vorher brachten
sich die Menschen in Europa und im Westen wegen „ihres Gottes“ um, nun brachten
sie sich um, weil sie ihren Gott getötet hatten und mutterseelen­allein waren. Kein
Mensch kann es aushalten, ohne Verbindung zu sein. –

Den Gott töten wollen – dieses zeitlose Vorhaben beschreibt aber der Mythos des
Turmbaus.

Ihm sei der Güter gefährlichstes, die Sprache gegeben, dichtet Hölderlin. Ihm,
dem Gott­ähn­­lichen, erschaffen „im Bild und Gleichnis“ des Schöpfers. Davon soll
er zeugen, Zeuge und Zeuger sein, Geborener und Gebärer. Was soll er zeugen?
Was gebären? Die Liebe – die er verloren hat. Und deshalb wohnt er „im Walde“,
selbst wenn er längst in Hochhäusern und einer gigantischen Megalopolis wohnt.
Im Walde bedeutet – er ist sich seiner selbst nicht mehr als Geschöpf im Bild und
Gleichnis eines liebenden Vaters bewusst.

Einsteins Frage an die Menschheit war, ob dieses Universum, das einen unendlichen
Raum und eine gekrümmte Zeit und viele, vielleicht unendlich viele Geheimnisse birgt,
ein wohlwollendes Universum sei. – Da fühlen wir auf einmal, näher als uns lieb ist,
dass wir „im Walde“ wohnen, denn wir können keine klare und feste Antwort aus uns
selbst heraus geben. „Wir hüllen uns ins verschämte Gewand.“

Aber von diesem Ort der Scham und Reue aus können wir uns entscheiden, die
„himmlische Flamme“ zu bewahren, im Äußeren, sicherlich, jeder auf seine Weise,
doch vor allem „innig und achtsam“. Auch wenn es uns hin und her reißt im Inneren
und wir so immer wieder erfahren, in Hütten zu wohnen – und nicht im Tempel.

Aber auch hier, in den Hütten im Wald, können wir die Antwort inniglich und in
Liebe erwarten.

Louis Lau, 1. Juni 2016