Ich weiß, dass ich nichts weiß

Sokrates, Apologie

Ich weiß, ich weiß, ich weiß

Paulus (in all seinen Briefen)

Ich weiß, dass ich nichts weiß
Ich weiß, ich weiß, ich weiß
Ich weiß, dass ich weiß,

dass ich nichts weiß
Ich weiß, dass ich weiß,
dass ich weiß.

Wissen – zusammen mit Geld und Macht und Sex das bestimmende
Thema unserer Tage hier in Europa und Amerika. Vielleicht sogar noch
vor den anderen drei Wünschen, weil die Hoffnung gehegt wird, sich
die anderen drei Dinge mit Hilfe von Wissen beschaffen zu können.
Nicht umsonst wird Wissen mit Macht gleichgesetzt. Das ist auch einer
der Gründe, warum die Wissen-schaft immer noch so hoch im Kurs steht,
obwohl doch offensichtlich ist, dass sie neben dem vielfältigen Nutzen
auch Schaden anrichtet.

Wissen – ein großes Thema in jeder Lebensgeschichte.

Was für eine Art von Wissen ist da gemeint? Wie man ein Hochhaus baut,
so dass es nicht umfällt, wie ein Flugzeug fliegen kann, ob eine Hüftopera-
­tion notwendig ist. ob ich meine Tante ins Altersheim bringen soll und darf?
Endlos sind die Fragen.

Wie man ein gutes Leben führt? Ob das Leben nach dem Tod zu Ende ist?
Ob ein Gott uns gemacht hat und liebevoll begleitet? Davon wissen wir
heutigen eher wenig.

Ob wir schon tot sind, auch wenn wir noch lebendig erscheinen? Ob die
Toten uns helfen zu leben? Ob es überhaupt eine Grenze gibt zwischen dir
und mir oder ob unsere Seelen nicht in Wirklichkeit eins sind? Als Menschen
eben? Und ob nicht alles, was lebt, ganz natürlich ebenfalls dazu gehört?

Was ist überhaupt Wirklichkeit? – Da antworten Menschen heute mit dem
Hinweis auf die sichtbare und messbare und oft auch irgendwie technisch
handhab­bare Welt. Die gemachte Welt. Die Welt der Tugen­den, die Welt
der Götter, die Welt eines Dienstes für den Gott, so wie Sokrates das gelebt
hat, haben wir abgeschafft. Erst recht die Wirklichkeit des Paulus, der
überall den auferstandenen Christ sieht und sein bestän­diges Wirken in
sich spürt. I know That My Redeemer Liveth – das hätte auch Paulus sagen
können. Was für ein Wissen?! Was für ein Leben?!

Dem Paulus ist der auferstandene Christ erschienen; seine Begleiter konnten
nichts sehen, hier am Ende der Zeit. Er selber erblindete (für drei Tage) und
konnte diese Realität nicht mehr sehen. Uns geht es ein Leben lang umgekehrt.
Paulus wurde geheilt (in den Augen dieser Welt), als er im Hause des Ananias
weilte, ein Wort hebräischen Ur­sprungs, das „der Herr in der Wolke“ bedeutet.
Keine festen Formen mehr, keine harten Grenzen, sondern das beständige
Kommen und Gehen unscharfer Bilder. Paulus war bis ins Innerste neu belebt
– das war von nun an sein Grund, sein Ursprung, sein Tod und seine Neugeburt,
so dass er von der Anwesenheit des unsichtbaren, alle und alles um­fas­senden
Christ sprechen konnte.  Keine Trennung zwischen „geist­licher“ und „weltlicher“
Wirklichkeit, sondern alles lebt – insoweit es lebt – im Auferstandenen.

Eine andere Welt – wir verstehen eigentlich kein Wort und sind dennoch stark
angezogen.

***

Louis Lau, 17. April 2015