Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis‘ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Ein Sprung? Von Paulus von Tarschisch zu Joseph von Eichendorff?
Das moderne Empfinden spürt das als riesigen Unterschied. Und es
zeigt damit doch nur, dass es weder im Einen noch im Anderen zu
Hause sein kann. Eichendorff gilt uns als „romantisch“ – als gälten
seine Worte nicht dem ganzen Menschen.

Sollen wir versuchen, die Kluft zu überwinden? Wir müssen bei
Paulus anfangen, bei seinem „I pray“. Die schon etwas unorthodoxe
Übertragung sagt „erflehen“: „Tag und Nacht bin ich damit befasst,
für euch die Kraft zu erflehen, dass ihr verstehen möget“. Beten ist
also offensichtlich nicht bloß „bitten“, das einem Kind vorbehalten ist.
Wir sind aber keine Kinder mehr – oder vielleicht wahrer: wir sind
noch nicht wieder Kinder geworden. Wir stecken fest. In der Klemme.
Wie auch Paulus feststeckte.

Paulus aber wurde durch ein Licht und eine Stimme vom Himmel befreit.
Es sah zwar zunächst nicht nach Befreiung aus, sondern nach „auf den
Boden geworfen werden“, aber dann war es für ihn lebensrettend und
erfüllend. Es war als hätt der Himmel ihm eine neue Kraft verliehen –
nun, tatsächlich fortzudauern bis heute.

Sein ganzes Leben vollkommen verwandelt – vor Damaskus, am Ende
der Zeit, initiiert in ein neues Leben, in eine neue Realität. Das ist die
Wirklich­keit von einem, der gestorben ist und dennoch lebt, lebt wie
noch nie zuvor. „Er spannte seine Flügel aus“ und beschenkte uns mit
einer solchen Zuversicht und einer solchen Kraft des Lebens, Lobens
und Liebens, dass wir uns bis heute nur wundern können.

Wir lesen Paulus von Tarschisch und seine ins Mark treffenden Anspra­chen,
in denen er uns „die andere Wirklichkeit“ näher und näher bringt. Und dann,
wenn wir erfüllt sind und nicht mehr weiter lesen können, heben wir die
Augen und sehen Joseph von Eichendorffs Verse…

Blütenschimmer – sacht wogende Ähren – rauschende Wälder – durch die stillen Lande …

Und fühlen plötzlich, dass da einer die Natur durchschaut wie dort ein
anderer das Leben der Menschen durchschaute – hindurch schaut wie
durch einen Schleier, durch den unsere Augen noch gehalten werden.

Erde und Himmel, Mensch und Gott, Recht und Gnade, Krieg und Frieden,
all das eben, was in unserer Welt nie zusammenkommen kann, kommt dann
in diesen Versen doch zusammen. Sie verbinden das scheinbar Unverbundene.
So werden sie verbindlich.

***

Louis Lau, 24. Mai 2016