Ein kleines Lied

Ein kleines Lied, wie geht’s nur an,
Daß man so lieb es haben kann,

Was liegt darin? Erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig Wohllaut und Gesang

Und ein ganze Seele.

Marie von Ebner-Eschenbach

 

Endlich! möchte man rufen, endlich wieder ein Lied fürs Volk, für das
Kind, für den einfachen Menschen – nach all den gelehrten Gesängen
von Meister Goethe.  Ein kleines Lied, keine schweren Urworte. Ein Lied
zum lieb haben, kein Griechisch­anfängerkurs für gebildete Kreise.

Das klingt unfair! Aber Goethe ging mir schon seit seinem dritten Gesang
über den Eros dermaßen auf die Nerven mit seinem überlegenen, alle
Untiefen und Zwie­spältigkeiten bis ins Letzte ausschreitenden Gehabe.
Man hat ihn doch schon längst verstanden – er aber windet sich und
dreht sich um die eigene Achse… ja, wirklich wie ein Besessener. Verein-
fachen und umdichten müsste man diese Urworte! Ein kleines Lied aus
ihnen machen. Ein Lied, in dem von Anfang an das Vertrauen lebt. Es
mag enttäuscht werden, es mag mit Verrat und Misstrauen und Zynismus
in Berührung kommen, aber es geht nicht verloren. So ein „kindliches“
Vertrauen sucht keine Zuflucht in gelehrten Disputen – das war ja eine
der ganz großen Enttäuschungen, sondern vertraut der Fügung, in all
den Unübersichtlich­keiten doch geleitet zu sein. Wo eine ganze Seele zu
Hause ist, dort fühlt es sich stark angezogen und gibt sich auch ganz hinein.

Das Kind ist das Bild für diese unversehrte Seele – wie alt der Mensch
im Zeit­strom auch geworden sei. Das Kind sträubt sich auch nicht gegen
die Lehren der Weisen, weil die Weisen ihre Anfechtungen und Versu-
chungen klar sehen und bekennen. Aber in den orphischen Urworten
– so erscheint es mir – deckt Goethe seinen eigenen Mangel an Ver-
trauen mit geschickten, fast listigen Worten zu, damit man es nur nicht
merkt. Ich möchte fast meinen: damit er es selber nicht merkt.

Da lobt sich das Kind die Antwort der Marie von Ebner-Eschenbach,
die ebenfalls weise ist und mit den vier Antworten auf die Frage (Wie
geht’s nur an / Daß man so lieb es haben kann) an altehrwürdige
Sprachtheorien anschließt – ohne sich in die Brust zu werfen und
zwischen den Zeilen heraus zu posaunen: schaut her wie gelehrt
und überlegen ich bin.

Nein, sie ist ganz geblieben, diese Seele, vom vielen Lesen und
Studieren nicht verführt…

***

Louis Lau, 10. April 2015