Bereschith (Lech lecha) / Genesis / 1. Buch Mose
Teil 2

Als sie an den Ort kamen,
den ihm Gott genannt hatte,
baute Abraham den Altar,
schichtete das Holz auf,
fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar,
oben auf das Holz.
Schon streckte Abraham seine Hand aus und
nahm das Messer,
um seinen Sohn zu schlachten.
Da rief ihm der Engel des Herrn
vom Himmel her zu:
Abraham, Abraham!
Er antwortete: Hier bin ich.
Jener sprach: Streck deine Hand
nicht gegen den Knaben aus, und tu ihm
nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich,
dass du Gott fürchtest;
du hast mir deinen einzigen Sohn
nicht vorenthalten.
Als Abraham aufschaute, sah er:
Ein Widder hatte sich hinter ihm
mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen.
Abraham ging hin,
nahm den Widder und brachte ihn
statt seines Sohnes
als Brandopfer dar.
Abraham nannte jenen Ort Haschem-jire – Der Herr sieht -,
wie man noch heute sagt:
Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen.
Der Engel des Herrn rief Abraham
zum zweiten Mal vom Himmel her zu und sprach:
Ich habe bei mir geschworen – Spruch des Herrn:
Weil du das getan hast und
deinen einzigen Sohn mir
nicht vorenthalten hast,
will ich dir Segen schenken in Fülle
und deine Nachkommen zahlreich machen
wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand.
Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen.
Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen
alle Völker der Erde,
weil du auf meine Stimme gehört hast.

Auch wenn sie gut ausgeht, diese Holocaust-Geschichte, irgendwie mag die Freude
nicht so recht durchkommen. Sind wir zu empfindlich? Verstehen wir nicht mehr,
was eine Probe, was eine Versuchung ist? „Führe uns nicht in Versuchung“ heißt
es im Weisheitsgebet Jesu Christi – verstehen wir diesen Ruf wie einen magischen
Schutz davor, wirklich versucht zu werden? Was fordert Gott denn da … das ist
doch ein Verbrechen! Oder ist das schon wieder zu schlau, zu abgehoben von der
Wirklichkeit, dass wir in Wirklich­keit selbst Geschöpfe sind und nicht der Schöpfer
unserer selbst?

Mir scheint, dass wir die Unterstützung durch den kindlichen Aufschrei „Tu es
nicht Vater!“ „Um Gottes willen, was tust du da?“ noch nicht ausgeschöpft haben.
Denn dieser Schrei – ich muss an das Bild von Munch denken – hat eine ganz
andere Kraft, als die wortreichen Angriffe auf einen grausamen, blutrünstigen
oder auch nur unverständlichen Gott. Was denkst du dir denn? Dass du Gott
verstehen kannst? Und dich dann über ihn erheben? Das Kind ist frei von
solchen Absichten, es schreit sein Entsetzen vor dem Mord hinaus – wie gut,
dass es sich nicht zusammenreißt wie wir alle.

Wir sind auch nicht dazu auf der Welt, Gott zu erklären oder zu rechtfertigen
– ein solcher Verdacht kommt aber schnell auf, wenn man sich auf die ganze
Geschichte einlässt – auch auf das Unverständliche, auf den ersten Blick
Wahnsinnige von Gottes Forderung. „Bring mir deinen Sohn … Isaak … als
Ganzopfer.“ Uns fehlen ja die Worte, gut, dass das Kind geschrieen hat. Alle
Worte, die wir angesichts des Entsetzlichen machen (auch diese), sind Zei­chen,
dass uns das durchdringende und rettende Wort fehlt. Und sogar am Schluss
der Geschichte, nach diesen umfassenden Versprechungen an Abra­ham, möchte
man wieder schreien: Das hat es also gebraucht, Gehorsam bis in den Tod des
Sohnes, damit er, Abraham, zum Segen werden kann. „Zum Segen für alle Völker“,
da möchte man schon wieder aufhorchen und staunen, wie wenig die Völker von
dieser Versprechung annehmen. Statt­dessen der zu allen Zeiten grassierende
Antisemitismus, man möchte schon wieder schreien.

„Jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest.“ Das ist der Satz, der nun bei mir hän­gen
bleibt. Ich weiß auch, dass die hebräischen Worte noch anders über­setzt werden
können, dass aber vielleicht noch nicht viele Menschen für diese Über­setzung
bereit sind. „Jetzt weiß ich, dass du Gott siehst.“ In all dem Schrecken, innerlichen
Schreien und Toben, das ich in unserem Vater Abra­ham mitem­pfinde, wenn er
scheinbar stoisch zum Berg geht, hat er nicht aufgehört, Gott zu sehen. Wie ja
auch das Kind in der Unterfinninger Oster­nacht nicht auf­gehört hat, Gott zu sehen,
nicht als es los schrie, und nicht als es aufhörte.

Ja, das glaube ich, und beim Schreiben ist es mir aufgegangen.

***

Louis Lau, 13. April 2015