Bereschith (Lech lecha) / Genesis / 1. Buch Mose
Teil 1

In jenen Tagen stellte Gott Abraham auf die Probe.
Er sprach zu ihm: Abraham!
Der antwortete: Hier bin ich.
Gott sprach: Nimm deinen Sohn,
deinen einzigen,
den du liebst, den Isaak,
geh in das Land Moria,
und bring ihn dort auf dem Berg
als Brandopfer dar.
Frühmorgens stand Abraham auf,
sattelte seinen Esel,
holte seine beiden Jungknechte
und seinen Sohn Isaak,
spaltete Holz zum Opfer
und machte sich auf den Weg zu dem Ort,
den ihm Gott genannt hatte.
Als Abraham am dritten Tag aufblickte,
sah er den Ort von weitem.
Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten:
Bleibt mit dem Esel hier!
Ich will mit dem Knaben hingehen und anbeten;
dann kommen wir zu euch zurück.
Abraham nahm das Holz für das Brandopfer
und lud es seinem Sohn Isaak auf.
Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand.
So gingen beide miteinander.
Nach einer Weile sagte Isaak zu seinem Vater Abraham: Vater!
Er antwortete: Ja, mein Sohn!
Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz.
Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?

Abraham entgegnete: Gott
wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn.
Und beide gingen miteinander weiter.

Ein Gedicht?? Ja! Ein Gedicht, das in den tiefsten Schrecken hineinführt,
in die dunkelste Nacht und dann hoffentlich auch wieder herauf. Es wird
hier aufge­nommen in Erinnerung an ein Ereignis in der Osternachtmesse,
als diese Geschichte als Lesung vorgetragen wurde und nach den Worten
Gottes „nimm deinen Sohn … und bring ihn … zum Opfer dar“ mitten in die
Stille der Auf­schrei einer Kindes hinein platzte: Nein! Nein! Um Gottes willen!
Nicht opfern! – ein Aufschrei der Seele, die lebt und leben will. Denn erst mit
diesem Auf­schrei wird dieses Gedicht – diese stärkste Verdichtung der
Beziehung von Gott und Mensch und Welt (vielleicht) doch erträglich.

„Was Gott tut, das ist wohlgetan“ (What God Ordains Is Always Good) ist
ein Lied aus dem 17. Jahrhundert, in dem von stillhalten, hoffen und gedul-
dig sein die Rede ist. Doch ohne die Kinderstimme wäre auch das Aushalten
und treu sein, so heilsam es sein mag, unvollständig. Das Kind ist hier wie
das Kind im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, es ist wie der Narr,
der als einziger die strenge Etikette überschreiten darf. Gott sei Dank
– so paradox möchte ich es sagen – schrie dieses Kind auf und schrie zu Gott:
Was machst du da? Wie kannst du das fordern? Was ist los mit dir? Es schrie,
so möchte ich es als schon fast alter Mensch sagen, im direkt empfundenen
Schmerz. Als sei das Messer schon ins Fleisch eingedrungen, als könne der
Schrei sich noch dazwischen werfen und bitten und flehen: tu es nicht!

Mir scheint (und ich hoffe), mit diesem Aufschrei dieses Kindes können
wir anders mit Abraham mitgehen, seinen schweren Gang anders begleiten,
nicht mit heimlichem Groll, nicht mit tödlicher Gleichgültigkeit, nicht mit
gnaden­losem Gehorsam, sondern in der Kraft der Liebe.

***

Louis Lau, 13. April 2015