Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Heinrich v. Ofterdingen (Novalis)

 

„Das ganze verkehrte Wesen“ – was meint der Dichter? Dass die Geschöpfe
durch Zahlen und Schemata „erkannt“ werden, dass sich das Erkennen im
Gelehrtsein erschöpft, dass diese berechnete und berechnende Welt nicht ins
Freie gelangt, dass sie Licht und Schatten als Widersprüche wahrnehmen muss,
dass sie die Mythen und Märchen und Sagen verkennt. – Meint er also uns?
Mehr oder weniger ja. Denn wir können uns über vieles freuen, den materiellen
Wohlstand, die Mobilität, die stei­gende Lebenserwartung, eine ganze Lebenszeit
ohne Krieg in unserem Land, den Fall der Mauer, irgendwann auch der Mauer
in den Köpfen – und doch steckt gerade mitten in diesen großen Erfolgen das
„verkehrte Wesen“ wie die Katze im Sack.

Aber nun: „Vor Einem geheimen Wort“ fliegt das verkehrte Wesen dann fort.
Was man als Hörer des Gedichts nicht sieht: das Eine geheime Wort ist groß
geschrieben. Ein Wort, also tatsächlich Eins. Welches Wort kann das sein? Es
ist geheim, also werden wir es nicht erjagen, aber den Hinweisen des Gedichts
dürfen wir folgen: Das Eine geheime Wort bietet einen Schlüssel für alle Krea-
turen, einen anderen als Zahlen und Figuren. Das Eine geheime Wort wird durch
küssen und singen ans Licht gebracht. Es begibt sich ins Freie, um dann aber in
die Bindung an die Welt zurück zu kommen. Es verschafft uns echte Klarheit
darüber, was es mit Licht und Schatten, Tag und Nacht auf sich hat. Echt stammt
ab von Ehe, echte Klarheit sagt also, dass Licht und Schatten miteinander verhei-
ratet sind. Und wir müssen sehen, dass wir das vergessen haben, so wie wir über-
haupt die Ehe nicht mehr verstehen – wer weiß, vielleicht noch nie verstanden
haben. Das Eine geheime Wort erzählt uns die wahren Weltgeschichten, solche
also, die uns verraten, woher wir kommen, wohin wir gehen und wozu dieser
ganze Weg sein soll.

Ein Mann namens Zettel, der mir sein sehr bewegtes Leben erzählte, mir an
Lebens­erfahrung hundertmal voraus, fasste es so zusammen: Schaffe, schaffe
Häusle baue, Kinder kriegen, verrecken. – Oh Schreck, oh Weh! Der ist aber
direkt! Ja, und doch sagt er in seiner groben Art dasselbe wie der Dichter, der
sieht, dass wir nicht ins Freie kommen. Das Eine geheime Wort, das Herr Zettel
nicht kannte und das auch wir nicht kennen – es vertreibt vor allem auch unsere
Nieder­ge­schlagenheit und unsere Besserwisserei, dass es so etwas wie das Eine
geheime Wort gar nicht mehr gibt und unsere Arroganz, dass wir so Ein Wort
auch gar nicht mehr brauchen. Schließlich, so rechnen wir ja,  haben wir Wissen-
schaft und Technik und Demokratie und soziale Marktwirtschaft. Irgend so ein
Wort wie Kind oder Traum oder Mitgefühl, was soll uns das noch?

Ich würde sagen: Das Gedicht ist ein Lockruf. Es lässt in zwölf Zeilen eine Hoff­nung
entstehen, die wir schon ganz vergessen hatten. Um uns zum Aufbruch zu bewegen,
weg von unserem schiefen Blick auf die Welt, als ob wir draußen wären, hinein in
die Mitte des Inneren, von wo aus wir alles aufnehmen und mit allem mitempfinden.
Dort angekommen ist mir alles nah wie mein Kind.

Louis Lau, 2. April 2015