wenn einer fortgeht, muß er den hut
mit den muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat, ins meer werfen
und fahren mit wehendem haar,
er muß den tisch, den er seiner liebe
deckte, ins meer stürzen,
er muß den rest des weins,
der im glas blieb, ins meer schütten,
er muß den fischen sein brot geben
und einen tropfen blut ins meer mischen,
er muß sein messer gut in die wellen treiben
und seinen schuh versenken,
herz, anker und kreuz,
und fahren mit wehendem haar!
dann wird er wiederkommen.
wann?
frag nicht.

Ingeborg Bachmann

 

 

Ein sehr trauriges Gedicht, das vom Ende einer Liebe erzählt, die den Liebenden
trostlos zurückließ. Es ist vielleicht die Dichterin selbst, aber es kann doch jeder
Mensch mitfühlen, ob Mann oder Frau. Manchmal frage ich mich, ob die Menschen
früher auch so sehr an den Trennungsschmerzen gelitten haben, oder ob es eine
Begleiterscheinung unseres großen Wohlstands ist; seit den Tagen, in denen dieses
Gedicht erschien, bis heute, sind 61 Jahre vergangen, in denen wir von Wachstum
und immer mehr Wachstum verwöhnt wurden – die Seele aber, das Herz aber, alle
Organe und Orte des Leibs, die für die Liebe gebraucht werden, wuchsen nicht in
derselben Weise mit.

Aus meiner eigenen, aber auch der Erfahrung anderer Men­schen, die von ihrem
Schmerz erzählten, sage ich, dass nur wenige Trennungen und Schei­dun­gen von
Mann und Frau gut verheilt sind; oft sind tiefe Wunden und Narben geblieben –
und dieses Gedicht macht erst einmal keine Ausnahme. Es zeigt die tiefe Verletzung
des Verlassenen. Allerdings ist die Verletzung dessen, der aufbricht und den anderen
verlässt, nicht weniger tief, sie wird nur stärker überlagert durch das neue Leben,
das einer, der fortgeht, beginnt.

Das Gedicht weiß, dass es Zeit braucht, bis der Schmerz vielleicht doch erträg­lich
wird: im Meer der Zeit vergehen am Ende auch die unerträglichen Erinne­rungen.
Aber vielleicht weiß es auch gar nicht nur, sondern hofft auch, dass es so sei! Doch
ganz wird es nicht genügen, eines braucht es noch, das wird nicht ins Meer geworfen
/ gestürzt / geschüttet / getrieben und auch nicht versenkt, „herz, anker und kreuz“
stehen einfach so da, ohne ein Wort der Bewegung, ohne in eine bestimmte Richtung
zu deuten. Es steht dem Leser frei, nein: er wird aufgefordert, und zwar unbedingt,
seine eigenen Tunwörter zu diesen Hauptwörtern zu finden. Herz, Anker und Kreuz –
so schlimm der Schmerz auch war und ist, diese drei werde ich nicht im Meer versen-
ken! Den Anker werde ich lichten, das Kreuz werde ich aufrichten und das Herz wird
mir dann noch einmal neu aufgehen.

Und dann? – Wer so fragt, hat den Anker noch nicht gelichtet.

Louis Lau, 30. März 2015