Urworte. Orphisch (5)
Ελπις, Hoffnung

Doch solcher Grenze, solcher ehrnen Mauer
Höchst widerwärt’ge Pforte wird entriegelt,
Sie stehe nur mit alter Felsendauer!
Ein Wesen regt sich leicht und ungezügelt:
Aus Wolkendecke, Nebel, Regenschauer
Erhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt,
Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt nach allen Zonen;
Ein Flügelschlag – und hinter uns Äonen!

 

 

Ein Hoch auf das Theater: die Mauer steht da, ehern und fest darf sie heißen,
mitten in der Mauer eine verschlossene Tür. Der Dichter steht davor: alles wird
ihm zu lästiger Pflicht, alles wird ihm eng und immer enger. Das Gefängnis
des gesitteten Zusammenlebens. Kein Schlüssel weit und breit, kein Ausgang,
keine Chance, keine Entwicklung, überall nur Dämonen im Sinne festgefahre­ner,
verlogener Rituale. So möchte das Stück nicht enden. Aber selbst wenn noch
einmal Eros aufträte, käme die Sache nicht vom Fleck. Ein anderer Dämon?
Ein anderer Zufall?

Mensch, irgendetwas muss es doch geben! – Ja, im Theater schwebt aus den
Lüften irgendetwas hernieder, regt sich leicht, wie ein fliegendes Pferd, wie ein
Luftschiff, wie der Vogel Anduin, und wir Niedergeschlagenen und Gezwun­genen,
Erniedrigte und Ausweglose setzen uns in das Gefährt und werden hochgehoben
und aller Sorgen enthoben.

Und sei es für einen Flügelschlag! Es erscheint wenig – gebunden in den Kon­ven-
tionen der Zeit – es ist aber ein Hinauskatapultiertwerden aus der gewöhn­lichen
Betrachtung der Zeit
an einen Ort, wo keine Sorgen und Ängste wohnen. Denn
dort findet man sich sozusagen inmitten der Zeit wieder, von allen Seiten von Zeit
umgeben und erfüllt. Als sei man in der Wirklichkeit selbst angekommen. Denn
die vier Stufen (oder Bereiche) zuvor mit ihrem Hin und Wider von fest und
beweglich, markerschütternd und erneut bezwingend schauten wie von außen
auf die Wirklichkeit und ihre Zeit.

Im Vordergrund dieser Philosophie steht der tätige, und das heißt bis in unsere
Tage, der unter Druck stehende Mensch. Der faustische Mensch – insofern hat
die Philosophie der Urworte viel von Goethe und viel weniger von Orpheus.
Stress. Auf unsere Lebenszeit bezogen: Diktatur, Krieg, Wiederaufbau und Ver-
leugnung der Geschichte, Studentenrevolte, Kalter Krieg, Mauer, Fall der Mauer,
aber es bleibt die Mauer in den Köpfen, eine neue Odyssee – ein einziger Strom
von Anspan­nung, dem Druck durch Leistung begegnen zu können. Erst mit der
fünften Stufe gelangen die Verse überraschend ins Freie, wo die Leistung selbst
sich als Dämon oder fixe Idee erweist. Und ein neuer Durchgang beginnt.

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Louis Lau, 7. April 2015