Urworte. Orphisch (4)
Αναγκη, Nötigung

Da ist’s denn wieder, wie die Sterne wollten:
Bedingung und Gesetz; und aller Wille
Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten,
Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille;
Das Liebste wird vom Herzen weggescholten,
Dem harten Muß bequemt sich Will und Grille.
So sind wir scheinfrei denn nach manchen Jahren
Nur enger dran, als wir am Anfang waren.

 

 

Goethe selbst kommentiert diese Strophe, die unsere Zwänge treffend
beschreibt, folgender­maßen: „Keiner Anmerkungen bedarf wohl diese
Strophe weiter; niemand ist, dem nicht Erfahrung genugsame Noten zu
einem solchen Text darreichte, niemand, der sich nicht peinlich gezwängt
fühlte, wenn er nur erinnerungsweise sich solche Zustände hervorruft, gar
mancher, der verzweifeln möchte, wenn ihn die Gegenwart also gefangen hält.“

Die alte Verzweiflung: Der Mann hat sich wieder einmal verliebt, ist hin und
weg, hoch beglückt, erblüht noch einmal, kann plötzlich wieder Liebesreime
finden, aber er kann nicht wie er will, ist er doch schon verheiratet. Der Arme!
Zum fünften, sechsten, siebten Mal ist ihm dies nun schon passiert; aber leich-
ter wird es auch durch die Wiederholung nicht. „Das Liebste wird vom Herzen
weggescholten“ – und warum, nur wegen der engen Konventionen, der Pflich-
ten, der öffentlichen Kontrolle.

„Scheinfrei“ sagt der Dichter zu sich und zu uns. Nur scheinbar frei. Mir scheint,
er ist recht unglücklich und er will jetzt auch einmal kein besänftigendes Tuch
darüber legen. Das ganze Leben, wozu, und all die Plackerei mit den eigenen
Trieben und Talenten und Zuckungen in Herz und Gliedern, die ganzen Versuche,
das alles zu kultivieren, zu zähmen, in ein Ganzes einzufügen, und was kommt
heraus? Am Ende sind wir noch stärker von unseren Dämonen verfolgt als zu Beginn.

Das ist sein Resümee. Das wird nicht jeder Mann unterschreiben und vermut-
lich nur sehr wenige Frauen. Aber es ist ehrlich und nötigt uns zu Respekt.
Schöngeredet wird hier nichts.

Aber es ist noch nicht das Ende der fünf Gesänge über den Prozess unseres
Lebens. Obwohl wir uns schon fragen, was denn nach so einer Verzweif­lung,
nach so einer Enge, noch kommen soll.

Eine Überraschung.

***

Louis Lau, 7. April 2015