Urworte. Orphisch (3)
Ερως, Liebe

Die bleibt nicht aus! – Er stürzt vom Himmel nieder,
Wohin er sich aus alter Öde schwang,
Um Stirn und Brust den Frühlingstag entlang,
Scheint jetzt zu fliehn, vom Fliehen kehrt er wieder,
Da wird ein Wohl im Weh, so süß und bang.
Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen,
Doch widmet sich das edelste dem Einen.

 

 

Ohne das Dritte könnten sich das „Unteilbare“ und das Wandelbare ewig
miteinander vergnügen und streiten. Das Leben kommt nicht so wirklich in
Schwung, bisher. Die Menschen, gefangen in ihren Individualitäten, der eine
heiter, der andere verdrossen, der eine bodenständig, der andere weltgewandt,
mit allerlei Mischungen zwischen den Typen – es ist wie ein Spiel ohne weitere
Bedeutung. Auch der Streit, der zwischen den Individuen und den (ebenso indi-
viduellen) Völkern immer wieder vom Zaum bricht, erscheint wie die Laune
eines größeren Ganzen, wie auch immer die Menschen zu ihm sagen: Natur,
Gott, Universum.

Jetzt also Eros, die Leidenschaft, die Begierde, der Pfeil durchs Herz, an dem
du nicht stirbst, sondern der die Spannung der Sehne jenes Bogens in dein Herz
verlegt: unstillbare Sehnsucht. Unser Gretchen, manchmal auch Margarete
genannt, wird von diesem Eros überwältigt:

Meine Ruh ist hin, / Mein Herz ist schwer, /
Ich finde sie nimmer / und nimmermehr.

Nach ihm nur schau ich / Zum Fenster hinaus, /
Nach ihm nur geh ich / Aus dem Haus.

Sein hoher Gang, / Sein edle Gestalt, /
Seines Mundes Lächeln, / Seiner Augen Gewalt,

Und seiner Rede / Zauberfluß, /
Sein Händedruck, / Und ach! sein Kuß!

Mein Busen drängt / Sich nach ihm hin, /
Ach dürft ich fassen / Und halten ihn,

Und küssen ihn, / So wie ich wollt, /
An seinen Küssen / Vergehen sollt!

Es grenzt ein wenig an Raserei, was der Gott Eros hier in die Welt bringt.
Erotisches Berserkertum, den Tod nicht scheuend. Jeden­falls ist das öde
Leben in der Auto­nomie und Individualität nun zu Ende. In Ana­­logie zu
den Kernkräften im Inneren des Atoms könnte Gott Eros als „starke
Anziehungskraft“ erlebt werden, die das – wie wir im 20 Jahrhundert
erleben mussten – eben doch teilbare Atom (Individuum) an der Auf-
lösung ins Tohuwa­bohu (griechisch: Chaos) hindern. Mit der Liebe
taucht eine Ahnung von Sinn auf. Weder der individuelle Charakter
noch der hinein­spie­lende und wandelnde Zufall nähern sich einem Sinn.

Der Eros bindet Seele an Seele, männlich an weiblich, die Frau an den
Mann – doch von Bleiben und Gründen und Bauen weiß der Eros nicht.
Da greift der Dichter auf etwas zurück, was mir wie ein Fremdkörper in
diesen orphischen Liedern erscheint: das Edle, das Edelste sogar. Und
das Eine, dem sich das Edle widmet? Die Fest­legung der Liebe auf Dauer,
in Ehe und Familie. In Regeln und Gesetzen und Riten und Traditionen,
die man erfüllt, aber nicht immer mit dem Herzen. „Groß ist die gemein-
same Zufriedenheit, aber größer ist das Bedürfnis“ schreibt Goethe selbst
als Kommentar. Die Ehe zähmt den Eros nicht, ist das lakonische Ergebnis
des Dichters.

Nun, auch uns als Hörern dieser orphischen Urworte strömt der Eros zu,
jedem ganz nach seiner eigenen Lust. Will sagen: Es kann sein, dass einer
dieses unfrohe Ergeb­nis nicht liebt. Dass man das Gefühl hat, da sucht
einer eine philosophische Bestä­tigung seiner eigenen Neigung – und macht
ein Gedicht daraus. So dass der Dämon („Hör’ du musst mir die Dirne
schaffen“) sich nun erst recht Bahn bricht.

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Louis Lau, 7. April 2015