Urworte. Orphisch (2)
Τυχη, das Zufällige

Die strenge Grenze doch umgeht gefällig
Ein Wandelndes, das mit und um uns wandelt;
Nicht einsam bleibst du, bildest dich gesellig,
Und handelst wohl so, wie ein andrer handelt:
Im Leben ist’s bald hin-, bald widerfällig,
Es ist ein Tand und wird so durchgetandelt.
Schon hat sich still der Jahre Kreis geründet,
Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.

 

 

Das Angeborene, die Herkunft, das Feste und Charakteristische, das Sichere,
das, worauf man sich verlassen kann, also – zum Beispiel – die Tatsache,
dass hier keine gebratenen Hühner durch die Luft fliegen, all die Dämonen
aus der eigenen Familien- und Lebensgeschichte – sie sind doch nicht das
erste und das letzte Wort. Wir Heutigen haben seit den 60er Jahren das
Wort „Gesellschaft“ neu zu buchstabieren gelernt, für alles und jedes war
auf einmal die Gesellschaft ver­ant­wortlich, wo vorher „Vererbung“ und
noch vorher „Rasse und Blut und Boden“ (Dämonen also) herrschten.

Man kommt los von vererbten Bindungen – man kann sich lösen von mili-
taristi­schen Großvätern – Intelligenz ist kein Schicksal, sondern kann
erworben werden – was wahr ist, lassen wir uns nicht von oben sagen,
sondern diskutieren es aus … so lauteten die Slogans Ende der 60er Jahre.
Die Schule der Nation ist die Schule, deklamierte Willy Brandt in seiner
Regierungserklärung 1969 gegen den vor ihm regierenden Kanzler Kiesinger,
der 1966 noch die Bundeswehr als Schule der Nation beschworen hatte.

So stark wir auch ergriffen sein mögen von solchen Zeiteinflüssen, die uns
dem Schicksal und seiner ehernen Gewalt entziehen, Goethe möchte uns
bewegen, nicht dabei stehen zu bleiben. „Du hast ja doch nur wie ein anderer
gehandelt“, sagt er ruhig, „und was meinst du, was mit diesem Anderen war?“
Der hat es entweder genau wie du gemacht, indem er einem dritten folgte,
oder aber es war sein Dämon, der ihn getrieben hat. „Wir schneiden die alten
Zöpfe ab“ lautete der Wahlkampfslogan der FDP im Jahr 1969 – ein Dämon
des Umsturzes, was sonst? Der eben manchem gefallen hat gegen die Verleug-
nung einer unmenschlichen Vergangenheit.

Auf lange Sicht sei es Tand, der durch die Zeiten hindurch getandelt wird,
sagt der Dichter unberührt. Wenn du erst einmal ein paar Jahre gelebt hast,
hast du ja die Moden und Gegenmoden kommen und verschwinden sehen.
Dann öffnet sich ein anderes Auge: es gibt den Dämon, sowohl bei mir und
dir als auch bei den Völ­kern, es gibt aber auch immer neue Facetten, wie wir
(und du und ich) uns ver­wandeln, die Nase nach dem Wind richten und auf
einmal unser Heil nicht mehr im König, sondern im Volk suchen.

Das aber ist es nicht, sagt der Dichter, worauf es im Leben ankommt.
Worauf denn kommt es an?
„Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.“
Und was sagt uns das?

Die Lampe, das ist der Mensch im Zusammenspiel von Festem und Wandel-
baren, Dämon und Zufall, Schicksal und Gestaltung, Vererbung und Arbeit
am Ich. Die Lampe ist nun bereit, Licht zu geben…

***

Louis Lau, 6. April 2015