Urworte. Orphisch (1)
Δαιμων, Dämon

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Johann Wolfgang von Goethe

 

Die fünf Stanzen mit der Überschrift „Urworte. Orphisch“ lesen wir hier
als strenge und knappe Hinweise, wie die Geschichte des eigenen Lebens
aufzu­fas­sen und zu schreiben sei. – Die erste mit dem für uns missverständ-
lichen Titel Dämon weist auf das Feste und Bleibende, das Charakteristische
eines Menschen. Man kann in der Selberlebensbeschreibung seine „Eigen-
schaften“ zur Sprache bringen, wie man sie selbst sieht – ohne sich darüber
zu täuschen, dass man ja nur einen begrenzten Blick auf sich hat. Um sich
ganz zu sehen, braucht jeder Mensch einen Spiegel, nicht bloß im buchstäb-
lichen Sinn, sondern in der Gestalt anderer Menschen, denen man einen
Blick auf sich eröffnet.

Zeigen sich „Widersprüche“ zwischen dem, wie ich mich selbst wahrnehme
(oder sein möchte) und wie du mich siehst, gehören sie zu meinem Dämon. –
Nun leben wir in einer Zeit, die Begriffe wie „Charakter“ oder „Gesetz wonach
du angetreten“ entweder für veraltet hält oder aber in naturwissenschaftliche
Begriffe übersetzt. Der Charakter und das dem einzelnen Menschen geltende
Gesetz drücken sich in der Erbsubstanz oder DNA aus. Aber – wer kann schon
seine DNA lesen und inter­pretieren? Jedenfalls können wir den eigenen
genetischen Code nicht in das Buch übertragen, sondern müssen uns um
Worte bemühen.

Goethe findet den Ausdruck „geprägte Form“ und der Prägestempel ist ihm
wie selbstverständlich das Universum und die Astrologie, als die Wissenschaft,
die sich seit Beginn der menschlichen Geschichte mit dieser Prägung befasst
hat. Wir Modernen, im mechanistischen Missverständnis befangen, schütteln
den Kopf. Haben aber natürlich keinen Ersatz dafür. Wir haben kein Wort mehr
für unseren Ursprung, haben die Prägung und die Bindung an das Prägende
abgestreift und taumeln in eine uferlose Freiheit, die ohne bindenden Ursprung
keine ist.

„Dir kannst du nicht entfliehen“ sagt der Dämon – das allerdings erleben wir.
Viele erleben es niedergeschlagen und zynisch. Man will sich selbst erschaffen
und erkennt, dass es nicht geht. Das Leben dreht sich nicht ums Ich – was für
eine Kränkung für den Götzen. Es ist aber nicht zu spät, bis zum allerletzten
Augenblick ist es nicht zu spät. Die Lebensgeschichte könnte der Weg sein zur
Anerkennung des Dämons.

Das ist griechisch gedacht. Christlich ist es die Begegnung des ersten Menschen
mit der Schlange und dem Baum des Wissens, mythische Überlieferungen, für
die uns der Sinn vergangen ist. Aber – wie gesagt – in jedem Moment können
wir die Erinne­rung daran wecken. Und uns fragen, wo in unserem Leben wir
schein­bar nahe liegende und Erfolg versprechende Entscheidungen gefällt
haben, die aber sozusagen voreilig waren. Denn hier kommt nun die wirklich
gute Nach­richt: eine solche Entscheidung kann jetzt neu angeschaut und bereut
werden.

Bereuen heißt: es nicht mehr tun. Das ist das neue Leben, und dauerte es auch
nur einen Tag. Ein Dämon kann das nicht! Er ist festgelegt…

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Louis Lau, 4. April 2015