Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Dieser Text ist auch bekannt unter
dem Titel „Wünschelrute“.

Joseph Freiherr von Eichendorff

 

Wir sind weit weg von dieser Art des Fühlens und Schauens und Wissens.
Hier spricht ein Dichter, der ohne Apparaturen in „die Dinge“ hineinschaut,
in das leere Blatt Papier, in den Schreibstift, in das Bild des Lukas Cranach,
das hier an der Wand hängt, in den Tisch, den Stuhl, die Tür, die Schwelle.
In den Menschen, der hier vor dem Bildschirm sitzt. Der Dichter sieht: „Die
Dinge träumen“, er sieht sogar: „fort und fort“ träumen sie. Immer­fort also.
Und also über die Zeit hinaus oder hinweg. Sie schlafen und träumen, sind
tot und lebendig zugleich.

Wovon träumt die Schwelle dieses Hauses? Wovon träumen Tisch, Papier und
Stift? – Die meisten Menschen werden sehr ungeduldig bei solchen Fragen, selber
insgeheim noch Kinder, kehren sie ihre Effizienz und Wichtigkeit hervor: „Für so
etwas haben wir keine Zeit!“.

Nun denn – so sieht sie ja auch aus, unsere Welt: weit und breit kein Zauber.
Der große Max Weber konstatierte vor 110 Jahren „kaltblütig“, dass es vorbei
sei mit dem Zauber. Aber was an seine Stelle trat, das berechnende Wissen, die
technische Fertigkeit – fast sieht es so aus, als sei der Schlaf des Menschen nur
noch viel tiefer geworden, immer rasender scheint er seine eigene Apokalypse
zu befördern.

„Apokalypse“ ist selbst so ein Ding, das vor sich hin schläft und träumt, Alptraum
nach Alptraum. So dass wir heute denken, Apokalypse bedeute „Untergang“. Immer
wieder werden apokalyptische Szenarien entworfen, sehr beliebt ist zum Beispiel
das Szenario, dass unsere Sonne in sechs Milliarden Jahren in einem „gigantischen
Knall“ explodieren wird.

„Nun, dann muss ich ja an meinem Leben noch nichts ändern!“, sagt der zum
kaltblütigen Rechner mutierte Adam. Alles gerät immer tiefer in Schlaf und Traum.
Die Welt singt nicht, sondern surrt und summt. Adam ist voll mit den Früchten
des „Baums der Berechnung“ – und also für die Augen des Dichters tot. Tut mir
leid, sagt der Dichter, du bist schon tot, dich weckt nicht einmal mehr ein Zauberwort.

***

Überraschenderweise hat uns dieses bezaubernde und friedliebende kleine
Gedicht – ohne es zu beabsichtigen – in die Untiefen unserer zerrissenen
und rettungslos zerbrochenen Gemeinschaften gestoßen, in das, was eben
gerade noch übrig geblieben ist davon. Löwenzahn, der zwischen Trümmern
aufblüht –  das wäre mein Bild dafür. Frühsommer 1945.

Übrigens: Das Zauberwort heißt „schweigen“. Oder sogar: „Schweig!“
Jedenfalls heute, hier in Polling, am Montag, den 25. April 2016 um 16.30 Uhr.
Und es kommt von innen. Alles traue ich mich zu sagen, und doch empfinde
ich das Schweigen nun als noch sprechender.

Louis Lau, 25. April 2016