Es gibt ein Ding, das ist unterschiedslos vollendet.
Bevor der Himmel und die Erde waren, ist es schon da,
so still, so einsam.
Allein steht es und ändert sich nicht.
Im Kreis läuft es und gefährdet sich nicht.
Man kann es nennen die Mutter der Welt.
Ich weiß nicht seinen Namen.
Ich bezeichne es als SINN.
Mühsam einen Namen ihm gebend,
nenne ich es: groß.
Groß, das heißt immer bewegt.
Immer bewegt, das heißt ferne.
Ferne, das heißt zurückkehrend.
So ist der SINN groß, der Himmel groß, die Erde groß,
und auch der Mensch ist groß.
Vier Große gibt es im Raume,
und der Mensch ist auch darunter.
Der Mensch richtet sich nach der Erde.
Die Erde richtet sich nach dem Himmel.
Der Himmel richtet sich nach dem SINN.
Der SINN richtet sich nach sich selber.

Lao Tse

 

 

Dieses Gedicht wagt sich ans Äußerste, ans Große, an das Eine, das Namenlose –
und so könnte auch ein Titel dieser Verse sein: Das Namenlose. Und wir wagen
uns daran, diese Verse zu lesen und sie in uns klingen und wirken zu lassen, auf
dass sie uns Sinn schenken, auf dass wir die Ordnung erleben, auf dass sie uns
trösten. Warum aber trösten? Ist denn von einem Verlust die Rede? Nicht auf den
ersten Blick, aber es ist doch so, dass Worte, die es wagen ins Ganze vorzudringen
und das Ganze als eine vollendete und wohlgeordnete Gestalt zu zeigen, uns die
eigene Unvollendetheit spüren lassen – unabweisbar.

Unser Bemühen und Streben und Leisten und Machen und Tun und Sinnen und
Trachten, so ernst wir es auch nehmen und sehr wir uns auch mühen, reicht nicht
an die Vollendetheit heran, sondern ist dem Tod ausgesetzt. Ist also – sinnlos.
Damit finden wir uns nur sehr widerstrebend ab, wenn überhaupt.In Wahrheit:
meist überhaupt nicht.

Der Trost dieser Zeilen besteht darin, uns abzuholen und einzuladen in das Gefährt,
das dieses Gedicht selber ist. Es ist eine Barke – so wie der große ägyptische Gott Re
in seiner Sonnenbarke jeden Tag durch das Wasser der Nacht fährt, so nimmt uns
das Gedicht auf und fährt uns sicher durch unsere unermessliche Todesangst. –
Aber natürlich nur dann, wenn wir nicht so tun, als hätten wir keine Angst, weil sie
erfolg­reich betäubt und abgewürgt wurde.

Wir wollen uns auch durch unsere eigene Begeisterung nicht täuschen lassen:
wir verstehen im Grunde nichts von den Zeilen dieses Gedichts, ein vollendetes
Ding haben wir noch nie gesehen, selbst die Sterne erkennen wir als vergänglich
und sterblich. Und die kleinen Elementarteilchen? DA stellt sich die Frage nach
Vergänglichkeit und Auferstehung gar nicht, weil (zum Beispiel) alle Elektronen
einander gleich sind. Protonen haben eine Lebensdauer von (mindestens) 1035
Jahren. In Ziffern 1 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000,
was also bedeutend über den Zeitraum hinausgeht, der als Alter unseres
Universums gilt (3 x 109 Jahre.)

Der Baum des Wissens kennt eben keine Unsterblichkeit, keine Vollkommenheit,
keinen Sinn. Und er kennt auch nicht Himmel und Erde und den Menschen kennt
er nur in der Auflösung durch die Perspektiven von immer mehr und immer
spezielleren Disziplinen. Der Mensch kann sich nicht mehr im Spiegel der Wissen-
schaften erkennen; er ist in Teilchen zerborsten, die niemand mehr zusammen
fügen kann.

Lao Tse aber schon!

Louis Lau, 31. März 2015