Der Erwachte ist nicht bei sich /
Er ist bei Allen.

Gleich zu Guten und Unguten /
wirkt er ausgleichend.

Mäßig zu Rechten und Unrechten /
wirkt er gesetzmäßig.

Er lebt beschlossen im Vielen /
Aufgetan dem Einen.

So treiben die Herzen ihm zu /
Wie zur nährenden Mutter.

Lao Tse

 

 

Man spürt sofort: Eine andere Dichtung und ein anderes Denken als
bei uns im Westen. Anders als Eichendorff und Goethe, aber auch anders
als Salomo: der auch als Weiser gilt. Bei uns nennt man Men­schen, die
auf den Wider­sprüchen des Lebens und der Gemeinschaft herum­tanzen
wie ein Artist auf dem Seil – entweder Verrückte oder Mystiker.

Oder kommt jetzt eine Zeit, in der auch wir in Europa und Amerika uns
diesem Schauen annähern? In der wir mit dem Wort „erwachen“ und „er­-
wacht sein“ nicht mehr bloß unser morgendliches Aufwachen und Gähnen
verstehen? In der das Erwachen auch nicht weit von sich weg gescho­ben
wird, als ob das nur für die da oben sei? – Das wäre schön, und das würde
uns gut tun. Denn wir leben doch in einer sehr unausgeglichenen Welt:
die Unterschiede zwischen reichen und armen Menschen und bevorzugten
und benachteiligten Gegenden sind krass, und mit der Liebe zum Gesetz
nehmen es nicht einmal diejenigen genau, die von Amts wegen dazu ange-
halten sind. „Aufgetan dem Einen“ – Menschen im Westen, die so einen
Spruch im Innersten erleben und verstehen, sind selten. Oder bin ich zu
pessimistisch? Und dass dieser „Eine“ in eins gesetzt wird mit der näh­renden
Mutter, und dies aber nicht aus einer (feministischen) Absicht geschieht,
sondern weil der Dichter es so „schaut“ – nun, das wäre wohl erst noch zu lernen.

Zu aller erst jedoch wäre eine andere Art des Lernens zu lernen, nämlich die,
sich mit den Worten und Aussagen solange zurück zu halten, bis man das, was
die Worte sagen, wirklich ganz und gar erlebt hat. In sich und außer sich. Dass
ich also zum Beispiel nicht auf jemand deute und sage, das ist einer, der Recht tut,
und auch nicht auf jemand anderen deute und sage, das ist einer, der tut Unrecht,
sondern mich mäßige, weil ich sehe, dass Recht und Unrecht einen Ursprung haben.
Es sehen heißt sich erin­nern, wie einem unter der Hand das Rechte, das man tun
wollte, zum Unrecht wurde. Ein Vater unterstützte den jüngeren Sohn mit einem
großen Geldbetrag, das brachte den anderen Sohn so in Rage, dass er seinen Bruder
töten wollte.

Lernen, auf dem Wort herumzukauen, bis man auch noch seinen letzten Geschmack
gekostet hat. Der Erwachte – das sagt auch: Wächter. Vor wel­cher Gefahr bewacht
uns der Erwachte? Eine Lebensgefahr? Der Gefahr, gar nicht erst ins wirkliche Leben
zu gelangen? Vor lauter Angst, im Alter nicht genug Rente zu haben, jetzt schon aufzu-
hören, zu leben? Der Ge­fahr, vor lauter Angst, das Studium nicht zu schaffen, aufzu-
hören für die nächste Prüfung zu lernen? Vor lauter Angst, den Job zu verlieren, sich
nicht krankschreiben lassen und seine Gesundheit zu vernachlässigen?

Du schläfst, spricht der Erwachte, mitten im Gerenne in deinem Hamsterrad schläfst
du sehr tief. Vielleicht würdest du es sonst gar nicht aushalten…

Louis Lau, 30. März 2015