Auf-Hören

Es ist ein Mysterium menschlichen Lebens,
dass wir Dinge finden,
wenn wir aufhören sie zu suchen,
Dinge sich uns schenken,
wenn wir aufhören sie besitzen zu wollen,
Dinge sich offenbaren,
wenn wir aufhören sie entschleiern zu wollen,
und Dinge in Beziehung mit uns treten,
wenn wir aufhören ihre Bezogenheit auf uns zu erzwingen.
So geschieht es uns dann,
dass ein Moment,
dem kein Glanz,
keine Bedeutung,
kein Triumph
und kein Nutzen innewohnt,
uns mütterlich hinein nimmt ins Herz der Ewigkeit.

am 31. März 2015, Giannina Wedde (Klanggebet-Blog)

 

 

Kein Gedicht, aber doch Worte, die uns einen Augenblick des Innehaltens schen­ken.
Uns mitten hineinführen in die Unrast unseres Lebens, wo wir immerzu suchen, alles
besitzen und analysieren wollen und auch noch die Liebe soll nach unse­rem Willen
und nach unserer Vorstellung funktionieren. Es funktioniert aber höch­stens recht
und schlecht und manchmal bricht sogar alles zusammen: Dann sprechen wir von
einer Krise, Finanzkrise, Absatzkrise, Führungskrise, Wäh­rungs­­krise, ach, welcher
Bereich des Lebens wäre ohne Krise? Wir machen dann aber nach dem Abflauen
der Krise immer so weiter wie bisher, so dass man kein Prophet sein muss, um die
nächste Krise schon heranziehen zu sehen.

Aufhören, sagt der Text. Aufhören im Sinne von „nicht weiter machen wie bisher“.
Stopp sagen! Und auch tatsächlich bremsen und anhalten. Eine Pause machen,
den automatischen Ablauf unterbrechen, Sabbat feiern.

Es heißt hier auf-hören im Sinne von auf jemanden hören, aber auch im Sinne von
aufhorchen. Propheten werden traditionellerweise diejenigen genannt, die uns auf-
horchen lassen. Zum Beispiel: Ihr habt gehört, liebet euern Nächsten wie euch selbst,
ich aber sage euch, ihr sollt auch eure Feinde lieben. – Oho! Da verlangt einer das
scheinbar Unmögliche: wir horchen auf.

Und wenn die Stimme und der Ton der Stimme und der ganze Mensch, der da
spricht, durch unsere Schläfrigkeit und Taubheit hindurch kommen, wenn wir
seine Worte plötzlich hören, als kämen sie aus dem eigenen Herzen, dann halten
wir inne. Das Gerenne lässt nach, das Gequatsche, die Begierde nach allem und
jedem weicht der Stille, dem Nichtstun: einfach da zu sein genügt. Nicht einmal
meditieren muss ich es nennen. Der Himmel ist grau, es regnet, der Wind bläst
heftig, der Baum vor dem Haus schüttelt sich im Wind. Ich sitze im Warmen und
Trockenen, die Worte meines Enkels Jakob ziehen herauf: Wie gut wir es haben,
danke und Jippiiie!

Es ist genau so, wie es im Text beschrieben wird: kein (äußerer) Glanz, keine (histo-
rische) Bedeutung, Triumph – nein, und Nutzen – auch nicht! Freude? Aber ja!
Geborgenheit? Sehr! Mitgefühl? Und wie! „Mütterlich“, heißt es, werden wir hinein
genommen ins Herz der Ewigkeit. Warum mütterlich? Weil wir als unvoll­endete
Menschen wieder zurückfallen werden in die alten Versuchungen und Gewohn­heiten,
die Mutter aber die Geduld hat und das Vertrauen hat und in ihr die Bereit­schaft lebt,
uns auch beim nächsten Mal wieder neu zu umarmen – eine neue Geburt.

Louis Lau, 31. März 2015