After conversion
you don’t look out at reality;
you look out from reality.

Richard Rohr

Nach der Umkehr / Kehre / Transformation
schaust du nicht mehr
(von deinem hohen oder niedrigen Podest aus)

auf die Realität,
sondern du blickst von innen inmitten

aus der Realität heraus.

 

 

Wenn du einmal eine „umwerfende Begegnung“ hattest (wie Saulus auf
dem Weg nach Damaskus) dann bist du nicht mehr der Alte. Du bist nicht
mehr am selben Ort, dem Ort des Ich, das sich für selbstbestimmt hält
(„ich sitze hier und schreibe“, ich sitze hier und lese, ich arbeite und verdiene
meinen Lebensunter­halt…), sondern du bist nun aufgegangen im Ganzen.
Du fühlst dich in der Realität, in der Wirklichkeit, in der Welt wie sie ist, zu
Hause. Geborgen! Wie in einer Höhle! Nicht mehr in einer Höhle aus Stein,
kalt und feucht, sondern nun ist die ganze Welt diese Höhle, Erde und Himmel,
Tag und Nacht, Protonen und Supernovae. Und wie ist diese Welt? Das Werk
und der Augapfel Eines liebenden Gottes – aber das willst du jetzt nicht mehr
beweisen.

Wenn Paulus sagt: „Ich lebe nicht mehr, es ist der Christus / Moschiach, der
in mir lebt“, dann befindet er sich nicht mehr auf seinem hohen Ichpodest,
auf dem Rücken des Pferdes, sondern er dient seinem Herrn. Er spürt: Das
Leben dreht sich nicht mehr um mich, sondern ich drehe mich ums Leben.
Was für ein Aufatmen, was für eine Last da abfällt! Endlich bin ich zu etwas da!

Und dann bin ich mitten drin­ im Geschehen, mitten drinnen auch in allem
Leid und in aller Verzweif­lung, aber auch in aller Leidenschaft und in der
ganz und gar natürlichen Ge­wiss­heit, nicht unterzugehen, nicht vernichtet
zu werden, nicht zu Nichts zu werden (Ach Vater! Ach Jenny!), sondern
vollkommen verwandelt, nämlich „gerichtet“ also richtig gemacht, so wie
nur Gott und ein liebender Vater es kann.

Mitten im Geschehen – lasse ich alles Wissen fahren und fühle mich geborgen
wie die berühmte Feder im Sturm. Mein Leib, meine Wünsche, meine Geschichte,
alle meine Lieben, sowohl die von heute, als auch die von gestern, auch die so
genannten Verstorbenen, sind dabei, auch die Lehrer sind dabei, Frauen und
Männer, das Große, das ich durch sie und mit ihnen erfuhr und eben auch das
Kleine, wo sogar sie den Wunsch und die Notwendigkeit verspürten, „gerichtet“
zu werden. Denn gut ist nur Einer. Und alles was (mir und dir) geschieht, ist
nur wie ein Schritt näher zu ihm, dem Einen und der Einheit.

Die Realität, auf die ich schaue, solange ich noch ein Ich bin, das (für sich) lebt
und noch nicht gestorben ist („stirb und werde“), wird als dornig und steinig
und schwer und als Widersacher erlebt. Der Mensch ringt dann mit der Realität.
Auch wenn er sich jahrzehntelang (wissenschaftlich) mit dem Tod und mit dem
Ster­ben befasst hat, kann es sein, dass ihm der Übergang sehr schwer fällt. Auch
wenn er ein geachteter und gefeierter Lehrer und Heiler ist, kann es sein, dass er
erkrankt und einen elenden Tod erleidet. Auch Paulus, der Bekehrte, wurde
gekreuzigt – doch wenn wir ihm selbst glauben wollen, starb er dort nicht, weil
sein Ich schon auf der Straße nach Damaskus gestorben war.

Die Realität, in deren Mitte der Umgekehrte und bereits Gestorbene sich
befindet und von der aus er auf das Tun und Trachten und Treiben der vielen
Ichs schaut (auf das, was wir nor­ma­­lerweise als „unsere Welt / Realität erleben)
ist eine andere Realität. Das Ich, das, was von ihm noch übrig ist, hat eine
klare Orientierung. Der Mensch weiß, wozu er auf der Welt ist. Nicht töten,
nicht stehlen, nicht begehren – alle diese Ziele der tüchtigen Menschen des
Abendlandes sind aber damit verbunden.  Das macht es für die anderen
Menschen nicht gerade einfach, denn sie wissen es ja gerade nicht, sondern
suchen nach dem Wozu oder haben die Suche aufgegeben oder haben sich
dem Konsum und der Produktion der Waren unterworfen. Deshalb wird so
ein Mensch, der dabei nicht mitmacht, „zu jeder Zeit“ gekreu­zigt. „Ich diene
meinem Herrn“ ist die Antwort des bereits Gestorbenen.

Louis Lau, 2. April 2015