Selige Sehnsucht

Sag es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet:
Das Lebendge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

J.W. Goethe

 

 

“Noch bist du da” singt die Dichterin aus dem Buchenland, noch ist es nicht
zu spät, Also wirf deine Angst in die Luft, wo sie vergeht. Niemand ist mehr da,
an den sie sich anklammern kann, die Angstgeister schreien und kreischen,
jammern und johlen, aber an dir finden sie keinen Halt mehr. – Das weiß auch
der Schmetterling, besser gesagt: er fühlt es. Die stille Kerze leuchtet in der Nacht.
Ein Ruf! Ein Weckruf: Hallo, noch bist du da … sei wer du bist, gib was du hast.

Was „ich“ also „haben“ kann, ist nur dieses stirb und werde; das Lebendge, das
nach Flammentod sich sehnet. Das ist keine Botschaft, an der ein Ich sich freut.
Es müsste sich schon selbst überwunden, seine Angst in die Luft geworfen haben.

Die Menge verhöhnt ein solches „Wissen“. Sie ruft dann „kreuziget ihn“ oder auch
„er verführt die Jugend“. Es ist kein brauchbares, verwertbares Wissen, sondern
Weisheit. Sie kostet das Leben. Aber wenn du das nicht kennst … bist du nur ein
trüber Gast. – Wir spielen uns auf als Herren der Welt und sind doch nur trübe Gäste.

Auf! Wach auf! Wirf deine Angst in die Luft…

Louis Lau, 19. April 2016