Noch bist du da

 

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer

 

 

Wachsende Ringe und ein Ich, das nicht weiß wer oder was es ist. Alles
wandelt sich. – Hier aber wird der Zweifel in die Luft geworfen und der
Augenblick des Daseins beschworen. Ob es sich wandelt oder ob es unbe-
wegt bleibt, ist hier nicht mehr die Frage. Noch bist du da – und wenn dir
das aufgeht, kannst du nicht mehr anders als loslassen.

Deine Zeit ist bemessen. Noch bist du da.

Bin ich überhaupt noch da? Bin ich schon da? Bin ich ein Falke oder ein
Sturm oder ein großer Gesang? – Für solche Spiele ist hier kein Raum.
Noch bist du da.

Bald schon bist du nicht mehr da, bald schon bist du wer weiß schon wo,
bald schon bist du erlöst, aber deine Träume sind zu Ende. Kein Lieben,
kein Glauben, kein Hoffen mehr, kein Mitgefühl, kein Vergeben, kein
Bereuen und kein Wiedergutmachen.

Noch darfst du lieben, das ist nicht selbstverständlich, mach‘ dir klar,
was für ein Geschenk das ist! Noch darfst du Worte verschen­ken, darfst
achtgeben auf jedes Wort, keins zu viel, und jedes an der Stelle, an die es
gehört.

Mach es dir klar, dann bist du da.

Und wenn du da bist, wenn es dir ganz aufgegangen ist, dass du noch da bist,
was kannst du dann anderes tun, als der zu sein, der du bist und zu geben, was
du hast. Was hast du? Du denkst an deine Besitztümer? Erst wenn du sie hingibst,
hast du sie. Du denkst an dein Wissen, deine Bildung? Erst wenn daraus etwas
Gutes erwächst, hast du das alles. Alles hast du erst, wenn du es loslässt. Sonst
bist du mit deinen Sorgen allein – und eben doch noch nicht da.

Wirf deine Angst in die Luft …

Louis Lau, 19. April 2016