Im Walde

Aber in Hütten wohnet der Mensch, und hüllet
sich ein ins verschämte Gewand, denn inniger
ist achtsamer auch und daß er bewahre den Geist,
wie die Priesterin die himmlische Flamme,
dies ist sein Verstand.
Und darum ist die Willkür ihm und höhere Macht
zu fehlen und zu vollbringen dem Götterähnlichen,
der Güter gefährlichstes, die Sprache dem Menschen
gegeben, damit er schaffend, zerstörend, und
untergehend, und wiederkehrend zur ewiglebenden,
zur Meisterin und Mutter, damit er zeuge, was
er sei geerbet zu haben, gelernt von ihr, ihr
Göttlichstes, die allerhaltende Liebe.

Friedrich Hölderlin

Viel Arbeit für den treuen Verstand. Er möchte schier verzweifeln. Er kann
den Überblick nicht bewahren. Nicht den Überblick über dieses eine Gedicht
und nicht den Überblick über die vorausgegangenen dreißig Gedichte, nur
dass es irgendwie immer um dasselbe ging und geht, schwant ihm schon,
doch er möchte es ja beweisen und etwas Nützliches damit anstellen – und
eben das entzieht sich ihm. Ihm – dem Herrn des Überblicks… zumindest
wünschte er es sich so.

Er ist eben kein guter Mitgeher, dieser treue Verstand mit seinen vielen Ängsten.
Wenn es in einer Redewendung der Indianer heißt, „bevor du über einen Menschen
urteilst, gehe erst sieben Meilen in seinen Mokassins“, so ist das ein Bild für die
menschliche Möglichkeit des Mitgefühls. Der Verstand aber sieht sich als Bewah-
rer des Geistes, himmlischer Flammen, und rümpft etwas die Nase über den
Geruch der Mokassins. „Da kann ja Gott weiß was passieren, wenn ich in deinen
Schuhen gehe!“

Ja! Angesagt ist schon zum zweiten Mal das Opfer des Verstandes. „Damit er
(der Mensch, also der Herr des Verstandes) schaffend, zerstörend, und untergehend,
und wiederkehrend … zeuge, was er sei“ – das ist eindeutig zu viel für den Verstand.
Ist er ein treuer Diener, gibt er dies auch gleich zu, ohne sich in verbale Scharmützel
zu verstricken. Was genau ist zu viel für den Verstand? Dass das Schaffen zugleich
ein Zerstören, das Untergehen zugleich ein Wiederkehren sei – geht über seine Kraft.
Und noch viel mehr über sein Vermögen geht ihm die Einsicht des beseligten Dichters,
dass alles, was der Mensch zeugt (nämlich sich selbst in seiner ihm zu­kommenden
Gestalt), er von der Meisterin geerbt und gelernt hat, die allerhaltende Liebe, in der
das Zerstören zum Schaffen und das Untergehen zum Wiederkehren wird.

Die Sprache. Reißt auseinander, was zusammengehört, zerstört, was als wahr gilt,
schafft Zwist und Unruhe, wo Frieden ersehnt wird. Und deshalb wohnt er auch in
Hütten, der Menschendichter, hüllt sich ein ins Gewand, um seine Scham zu bedecken.
Besingen, wie mit dem Zauberwort, muss er die Liebe, damit er nicht untergehe in
seiner Beschämung, und inniger und achtsamer sich selber hingebe in jedes geschenkte
Wort.

Und warum heißt das Gedicht „Im Walde“? Er singt ja wie ein Vogel es tut zu allen
Tieren des Waldes. Das sind unsere alten Geschwister, Meister Isegrimm und Bruder
Lampe, Meister Petz und Gevatter Wolf. Ohne sie werden wir nicht durchkommen
durch die Gefahren, die mit der Gabe der Sprache heraufgekommen sind . . .

***

Louis Lau, 23. April 2016