Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten wohl nicht vollbringen
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke
Stundenbuch, 1905

 

Alles wandelt sich – dichtet der eine. In wachsenden Ringen – ergänzt der andere.
Jeder Ring ein ganzer Kreis, vom Neubeginn des Anfangs hin zum Neubeginn des
Endes. Und „dazwischen“ dann der Sprung von einem Ring zum anderen. Jedes
Jahr eine neue Phase, jedes Jahr ein neuer Ring. Soweit scheint alles klar.

Doch warum ziehen sich die Ringe über die Dinge? Das wirkt wie ein Schleier, als
verlören die Dinge eine anfängliche Klar­heit. Oder aber wie ein Mantel, mit dem
die Dinge ein wenig gewärmt werden können. So dass sie ihre angebliche Eindeutig-
­keit (das ist ein Wurm, das ist ein Löwe) verlieren und wieder teilhaben an der Welt
der Schöpfung: jeden Tag neu.

Das also will der Dichter versuchen: die Dinge in den wachsen­den Ringen mitwachsen
zu lassen, so dass sie mitleben im Fest der alles wandelnden Schöpfung.

Wer so fühlt und sich so in seinen Ringen zu Hause weiß, der hat auch einen Namen
fürs Zentrum, für eben jenes „dazwischen“ zwischen dem immer wieder ersten und
dem immer wieder letzten Neubeginn.  Jeder Atemzug ein zu Ende gehen, ein hinunter
gehen in das Reich des Todes (der biblische Ausdruck dafür: Ägypten), dann jener
kleine Augenblick „dazwischen“, zwischen den Welten, und dann „von selbst“ der
Neubeginn einer neuen Welt. Wie soll ich dich nennen, wenn nicht mit deinem Namen,
mein Herr und mein Gott? Der Dichter geht weit darüber hinaus: „uralter Turm“ sagt er,
damit er dann die ihn bewegenden Bilder vom Falken und vom Sturm und vom großen
Gesang einführen kann – alle kreisen wie der Dichter selbst um diesen uralten Turm.

Was ist der Kern unserer Existenz? Da sind die Ringe und die Dinge, da ist der letzte Ring,
der mir am Herzen liegt. Und dann eben der uralte Turm mit seinen drei Begleitern Falke,
Sturm und Gesang. Und dann noch ein Ding, das „Ich“ von sich sagt (anscheinend ohne zu
erröten) und nicht weiß, wer oder was es ist.

So aber könnte auch der Titel (der Name) des Gedichts heißen: Ich weiß noch nicht, wer
oder was ich bin. Habe ich überhaupt noch einen Kern? Der für Menschen immer als
unteilbar erscheinende Kern der Dinge wurde dreißig Jahre nach diesem Gedicht zum
ersten Mal „gespalten“. Also doch nicht unteilbar! Kernspaltung – mit Folgen, die uns
noch in zehntausend Jahren verfolgen werden.

Es hilft aber nicht! Wir müssen auch davon erzählen.

Louis Lau, 18. April 2016