Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Friedrich Hölderlin

 

„Geh, fürchte nichts“ – nein, er fürchtet auch nichts, aber es kommt doch
ein Weh, ein Leben ohne Blumen und ohne Sonnenschein. Doch was am
stärksten fehlt: Schatten der Erde. Zuvor, in der ersten Hälfte des Lebens,
war ich trunken von Küssen, erhitzt bis ins Übermaß, und es tat mir der
Schatten der Erde so wohl. Erfrischt vom Schatten und vom heilignüchternen
Wasser, staunend steht der Jüngling ob der Schönheit der Geliebten, der
Erde, der Mutter.

Nein, er fürchtet nichts, aber das Weh fasst ihn an. Wir können ihm nicht
helfen, höchstens mit ihm mitfühlen, ja, der Winter ohne Blumen und ohne
Sonnenschein und ohne Schatten der Erde ist wie ein Tod, ach weh, ja, ja,
ich weiß schon, irgendwann kommt das neue Leben, wer soll es wissen, wenn
nicht mein trunkenes Haupt, und doch, jetzt stehe ich sprachlos, das heilig-
nüchterne Wasser in den Fahnen gefroren.

War Hölderlin depressiv? Bin ich depressiv? Wenn ich den Winter fühle?
Ich bin sprachlos, dass du so etwas sagen kannst: Hölderlin war depressiv –
oder auch: Hölderlin war geisteskrank. Nun ja, du musst dich schützen – dein
feurig heiter trunkenes Ich der ersten Lebenshälfte, wo du die Dinge beim
Namen nennen willst, will nichts wissen vom Winter. Der Dichter aber spürt,
dass der Winter und das Sterben und das Starrwerden in dieser Ablehnung
und im Nicht –  Wissen – Wollen schon anwesend sind, näher als du denkst,
mein Herz.

Von wegen geringer Dinge
verstimmt wie vom Schnee war
die Glocke womit
man läutet
zum Abendessen

Hier ist der Winter schon wieder zum „geringen Ding“ geworden. Der Dichter
nimmt nicht das Ich wichtig, das arme Ich, dem man nun wirklich nicht helfen
kann, sondern sorgt sich um die Glocke, die verstimmt ist. Die Glocke, der
Gesang des Dichters, läutet zum Abendessen – in die Wende der Zeit.

Wer anders als du selbst soll der Sänger deines Lebens sein.
Selbst wenn deine Stimme wegen geringer Dinge verstimmt bist.
Lass sie erklingen, erzähl uns wer du bist, und rufe uns in die Wende der Zeit.

Louis Lau, 22. April 2016