Glück II

Solange wir leben, streben wir
Nach dem Sättigungsgrad von Glück,
Bei dem wir verstummen.
Kehren die Worte zurück,
Sind wir schon aus der Woge heraus,
Die uns von uns befreit.
Spricht man das Glück mit Worten aus,
Ist es von uns schon weit
Entfernt. Wir suchen schon
Nach dem neuen Aufschwung im Nichts.
Glück ist die Explosion von Zeit
In der Überfülle des Lichts.

Eva Strittmatter

 

Bist du glücklich, möchte ich dich fragen, dich, die du so gut über das Verhältnis
des Glücks zum Wort Bescheid weißt. Die das Glück nach seinem „Sättigungsgrad“
zu beurteilen weiß, Die es also kostet und kostet, weil es so gut schmeckt, und wie
nach einem wunderbaren Mahl sich entspannt zurücklehnt und sagt genug.
Verstummen wir, wenn wir unbeschreiblich glücklich sind? Oder fangen wir nicht
erst recht an zu singen?

Nun, dieses Gedicht jedenfalls ist da, zwölf Zeilen, vier Reimpaare, Glück (kommt)
zurück, heraus (ist) aus, befreit (sind wir) weit, im Nichts … des Lichts. Das Gedicht
ist da, und es sagt klipp und klar, dass das Glück „weit entfernt“ ist für jeden, der es
in Worte gießen möchte.

Wir denken ein wenig darüber nach. Ist das Glück also gar nicht so wichtig? Weniger
wichtig jedenfalls als das Dichten von Versen über das Glück. Glück II heißt es ja,
da ging also schon ein Versuch voraus, auch ein missglückt-geglückter Versuch, das
Glück in Worte zu gießen.

Bedeutet das nun, dass wir gar nicht nach der Erfüllung des Strebens streben, sondern
das Streben selbst uns mit dem beseligenden Gefühl erfüllt. Wenn wir streben und Hoff-
nung haben – ohne nach dem Glück zu schielen. Es kommt dann schon… Freudvoll und
leidvoll, / gedankenvoll sein; / Hangen und bangen / in schwebender Pein; / Himmel-
hoch jauchzend, / zum Tode betrübt; / Glücklich allein / ist die Seele, die liebt.

Und die Liebe… das dürfen wir vorwegnehmen, macht auf jeden Fall [auch] unglücklich
– bevor sie uns dann vielleicht doch heimführt.

Louis Lau, 26. Februar 2015