Geh fürchte nichts.

Wohl manches sollt
Ich sagen, doch verschweig ich dirs,
Es will zum sterblichen Gespräche fast
Und eitlem Wort die Zunge nimmer dienen.

Sieh! liebster! anders ists und leichter bald
Und freier atm‘ ich auf, und wie der Schnee
Des hohen Aetna dort am Sonnenlichte
Erwarmt und schimmert und zerrinnt, und los
Vom Berge wogt und Iris froher Bogen sich
Der blühende beim Fall der Wogen schwingt,
So rinnt und wogt vom Herzen mir es los,
So hallt es weg, was mir die Zeit gehäuft,

Die Schwere fällt, und fällt, und helle blüht
Das Leben, das ätherische, darüber.

Nun wandre mutig, Sohn, ich geb und küsse
Verheißungen auf deine Stirne dir,
Es dämmert dort Italiens Gebirg,
Das Römerland, das tatenreiche, winkt,
Dort wirst du wohlgedeihn, dort, wo sich froh
Die Männer in der Kämpferbahn begegnen,

O Heldenstädte dort! und du, Tarent!
Ihr brüderlichen Hallen, wo ich oft
Lichttrunken einst mit meinem Plato ging
Und immerneu uns Jünglingen das Jahr
Und jeder Tag erschien in heilger Schule.

Besuch ihn auch, o Sohn, und grüß ihn mir,
Den alten Freund an seiner Heimat Strom,
Am blumigen Ilissus, wo er wohnt.
Und will die Seele dir nicht ruhn, so geh
Und frage sie, die Brüder in Aegyptos.
Dort hörest du das ernste Saitenspiel
Uraniens und seiner Töne Wandel.
Dort öffnen sie das Buch des Schicksals dir.

Geh! fürchte nichts! es kehret alles wieder.
Und was geschehen soll, ist schon vollendet.

Hölderlin

 

 

„Ob wir es einmal noch erkennen? Hölderlins Dichtung ist für uns ein Schicksal“
(Heidegger) – ja, aber eben nicht nur seine, auch Rose Ausländers „Wirf deine
Angst in die Luft“, Goethes „stirb und werde“, Brechts „alles wandelt sich“, sie alle
leiten uns durchs Geschick. Hölderlins „Geh! fürchte nichts! Es kehret alles wieder.
Und was geschehen soll, ist schon vollendet“ nimmt eben nur all die anderen
„schicksalsschweren“ Verse auf – ohne sich daran zu über­heben. „So hallt es weg,
was mir die Zeit gehäuft. Die Schwere fällt, und fällt, und helle blüht das Leben.“
Das Geschick ist und bleibt schwer, aber mit diesen Worten fällt es von uns ab.

Ein anderer Ton, ein anderer Rhythmus, aber dieselbe Verheißung. Du wirst nicht
untergehen, du gehst mit meinen Gaben und Verheißungen, und solange du auf
diesem Pfad bleibst, mutig gehst, die alten Freunde grüßt, und dich traust zu fragen,
solange kann das Schicksal dich nicht besiegen.

„Was geschehen soll, ist schon vollendet“ – was für ein ungeheures und selbstloses
Eintauchen in die Wogen des Schicksals. Wie einer, der sich ins Auge des Sturms
wagt. Dort sieht er den Sturm kreisen, doch er selbst hat nichts zu befürchten.
Und auch jeder, der mit ihm geht und seinen Versen glaubt, findet sich geschützt.

Jedoch, wir kennen vom Dichter auch andere Verse: „Weh mir, wo nehm ich,
wenn es Winter ist, die Blumen, und wo den Sonnenschein…“. Als ob „geh fürchte
nichts“ nur die Hälfte des Schicksals sei und die andere Hälfte sind Mauern, sprach-
los und kalt, Fahnen klirren im Wind.

Die Frage: Können wir einfach nur ja sagen zu diesem „Riss“, der sich auftut in
seiner Dichtung? Hier: Was geschehen soll, ist schon vollendet – der uner­schrock­ene
tiefe Blick ins Getriebe des Universums, selber in Ruhe und Frieden und Mitgefühl
ruhend. Dort: sprachlose Mauern, Winter – die Seele erfriert in der Kälte der Herzen.

There is a crack in everything, singt Leonard Cohen, that’s where the light comes in…

Louis Lau, 20. April 2016