BITTE

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch, verschont zu bleiben
taugt nicht

Es taugt die Bitte
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

Und dass wir aus der Flut
dass wir aus der Löwengrube
und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden

Hilde Domin

 

Der Winter, ein Leben ohne Blumen und ohne Sonnenschein und ohne
Schatten der Erde, sprachlos stehe ich unter klirrenden Fahnen – Hilde
Domin trägt solche Erfahrungen mit ihrer BITTE weiter. Hier werden
wir eingetaucht in die Wasser der Sintflut, durchnässt bis auf die Herzhaut
– Bilder des Sterbens, das auf ein Werden erst noch warten muss.

Sie sucht nach der geeigneten Bitte. Geeignet wozu? Um nicht verloren zu
gehen? Um nicht vergeblich zu leben? Um nicht unterzugehen?

Ja und nein. Denn sie verwickelt uns in einen Tauchgang, der mit dem
Eingetaucht­werden noch nicht zu Ende ist. Wir werden nicht mehr auftau-
chen, jedenfalls nicht als dieselben, wir werden nicht verschont bleiben,
jedenfalls nicht dasjenige, das unbedingt verschont bleiben will. Heil werden
wir erst, wenn wir zulassen und immer tiefer spüren, dass wir versehrt werden.

„Versehrt“ – ein altes Wort, das Schlüsselwort dieser Bitte. Das Wort „kriegs-
ver­sehrt“ habe ich (* 1948) noch gut im Ohr. Die Dichterin wagt es sogar,
dieses Wort zu steigern: du bist versehrt, ich bin versehrter. Ich bin heil, du bist
heiler – kommt als zweite Steigerung noch dazu.

Wenn wir zu jemandem sagen „ich habe dich sehr lieb“, dann sagen wir, ohne es
noch zu wissen, eigentlich „ich habe dich schmerzlich lieb“. Das alte Wort ser
bedeutet „schmerzvoll“, im Mittelhochdeutschen dann auch „wund“. – Die Bitte
unversehrt zu bleiben, taugt nicht, denn dann lernst du die Liebe nicht kennen
– und sie ist das Größte gewesen.

Versehrt und heil klingen uns als Gegensätze. Als entweder – oder. Das ist der
treue Verstand, der da spricht. Der Ordnung macht und bewahrt. DANKE!  Und
der sich eben nicht vorstellen kann, dass sein Herr, der Mensch, nach einer
Versehrung sogar noch heiler als zuvor wieder auftaucht.

Es taugt, wenn wir zu unserem Verstand sagen, dass es das Opfer des Verstandes
braucht, um lieben und leben zu können. Er versteht nichts, aber wenn er ein
guter und treuer Verstand ist, geht er mit und wartet, wen er jetzt opfern muss,
Erst im letzten Moment dämmert ihm, dass er selbst das Opfer ist. (Aber hier
greifen wir schon vor auf die Geschichte von Abraham und Isaak, 33 und 34).
Es taugt einzig und allein die Bitte um vollständige Unterwerfung unter den
Allerhöchsten.

Louis Lau, 23. April 2016