Alles wandelt sich

Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen, ist geschehen. Und das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten.

Was geschehen, ist geschehen. Das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten, aber
Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.

Bertolt Brecht

 

Das erste in der Reihe dieser Gedichte, das auch ein Laie sofort als kunstvoll erlebt.
Anfang und Ende, Alpha und Omega, wie noch manchmal zitiert wird, finden sich
zu einem Kreis. Neu beginnen kannst du am Anbeginn, aber auch am Ende. Der
letzte Atemzug ist ja ein Ausatmen – mit diesem Atem, den du hinaus oder hinüber
oder hinaus oder hinunter schickst, beginnst du neu. Denn sonst wäre der Titel des
Gedichts falsch. Wenn der „letzte Atemzug“ wirklich der letzte wäre, hörte auch der
Wandel auf.

Der Dichter sagt sogar „alles wandelt sich“. Er spricht zu mir, er sagt „du“ zu mir,
sogar du kannst neu beginnen, sogar du wirst dich wandeln. Sogar du! So lange hast
du dich gewehrt. Wolltest lieber ein guter Junge sein, ein braver Schüler, ein guter
Ehe­mann, bist lieber den Regeln gefolgt und hast dich über jene geärgert, die abseits
der Piste fahren. Und so hast auch du Wasser in den Wein gegossen, das echte Leben
bis zur Unkenntlichkeit verdünnt.

Doch jetzt kannst du noch einmal Luft holen. Kannst aufhören, zu bedauern, was du
getan hast, auch aufhören zu bedauern, was du nicht getan hast, weil du es nun neu
siehst. Alles neu siehst!

Alles hat dich bis zu diesem Augenblick geführt, zu diesem Moment des Innewerdens,
an dem du neu beginnen kannst. Alles was war, und auch alles was nicht war, geschah
für diesen einen „umwerfenden“ zeitlosen Augenblick. Jetzt ist es kein Versprechen
mehr, keine Hoffnung, kein erstrebenswertes Ziel, nein, jetzt ist es lautere Wahrheit.
Alles wandelt sich heißt auch: alles wendet sich.

Und auch da darf man wieder fragen: Wer möchte da nicht dabei sein?

Noch ein Wort zur Kunst. Ein kunstvolles Gedicht sei es, wurde gesagt. Weil sich
Anfang und Ende zu einem Kreis finden. Bei genauerem Hinschauen ist es aber
kein Kreis. Ein letzter Atemzug ist der letzte, und ein Neubeginn folgt nicht auf
den letzten Atemzug. „Dazwischen“ ist eine Schleife, die der Leser ganz unwill-
kürlich vollzieht, wenn er das Gedicht neu beginnt.

Wachsende Ringe, so hat es ein anderer Dichter genannt.

Louis Lau, 18. April 2016