Was von mir bleiben wird

Von mir werden bleiben: Vier Söhne.
(Mein menschliches Alibi.)
Und vielleicht bleibt noch eine schöne
Mir ähnliche Fotografie.
Die zeigt mich, wie ich lache.
Mein lachendes Kindergesicht.
Das Gesicht, das ich weinend mache,
Zeige ich nicht.
Dann werden bleiben: Gedichte.
Vielleicht bleiben zwei oder drei
Etwas länger als andre im Lichte.
Dann ist auch das vorbei.
Merkwürdig: das zu wissen
Und doch wieder aufzustehn.
Und weiter leben zu müssen,
Als würde es ewig gehn.

Eva Strittmatter

 

Warum fragt der Mensch, was von ihm bleiben wird? Ein Ge­heimnis. Denn was er mit seinen
geschärften Augen sieht, ist nur, wie alles vergeht. Was ist geblieben, zum Beispiel vom Vater
meines Vaters? Ein Photo, ein Brief, ein paar Geschichten, die nur ich kenne. Man sieht schon:
wenig. Und es wird immer weniger, wenn ich mal nicht mehr bin. Vielleicht bleibt das eine oder
andere „etwas länger … im Lichte“, „dann ist auch das vorbei.“

So sieht es aus. (So denkt der scharfe Verstand.)

Doch dann – kommt es anders als man denkt.

Man weiß, es ist so – und doch steht man auf.

Man weiß, es ist so – und doch erzählt man weiter.

Man weiß, es ist so – und doch findet man immer noch ein Wort.

Auf die eigene Lebensgeschichte bezogen heißt das – man tut als ob man ewig lebte,
ganz unbewusst und ohne Absicht. Ewig ist das Leben selbst (denken wir), aber nicht
der einzelne Mensch und auch nicht die Menschheit (denken wir). Aber das Gedicht
zeigt uns, wie wenig wir wissen, wenn wir davon sprechen, was bleibt. Denn zum
Beispiel die „vier Söhne“, das menschliche Alibi … es bleibt ja ebenfalls nicht.
Was ist damit in hundert Jahren?

Was bleibt, ist die Frage! Die Frage, was von mir und dir bleibt, die bleibt. Denn
Men­schen aller Zeiten und Zungen fragen. Und sie suchen und geben eine Antwort,
indem sie von sich und ihrem Leben erzählen. Wie auch das Gedicht eine kurze,
gefasste Erzählung des Lebens ist (die Söhne, Lachen, Weinen, zwei oder drei Gedichte).

Und dann – plötzlich – der merkwürdige Sprung ins Wort Ewigkeit.

Louis Lau, 10. Februar 2015