Vor dem Winter

Ich mach ein Lied aus Stille
Und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
Geht ein in mein Gedicht.

Der See und die Libelle
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.

Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne,
Was es auch immer sei,

Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
In einer finstren Nacht.

Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter;
Und so vergeh ich nicht.

Eva Strittmatter

 

„Vor dem Winter“ heißt das Gedicht, und das übersetze ich frank und frei mit
„Vor dem starr werden, vor dem Sterben“. Ich frage mich dann: Wie kann ich
diesem „riesigen“ Thema, das die Räume über uns aufreißt und uns heimsucht
in den Träumen der Nacht, ehrlich begegnen?

Dem Tod ehrlich und mit offenen Augen begegnen, aber ohne gleich klein
beizugeben und ohne gleich davon auszugehen, dass einen der Tod, dieser
Riese, am Ende doch überwältigt? Woher schlage ich den Funken der Hoffnung? –
Zwei Dinge vor allem braucht es, sagt das Gedicht. Stille und Licht. Das Licht
wird „September­licht“ genannt – es ist das goldene Licht der Erinne­rung. Aber
laut darf sie nicht sein, die Erinnerung, nicht voll vom Lärm der Welt: „Der hat
Recht – nein, der hat Recht!“ Das Gerede, Ge­quassel und Gewimmel, in dem wir
untergehen, wenn wir nicht die Ruhe bewahren. Die Ruhe wird in diesem Gedicht
auf den Namen Stille getauft. Der Säugling wird gestillt, mit der Mutter­milch saugt
er ein, dass es gut ist hier zu sein. Selbst wenn der Winter droht.

Was für eine Stille ist das, die den Lärm außen hält? Es ist keine bloße „Abwesenheit
von Geräuschen“. Die schwirrende Libelle, der „schwarze Rabenschrei“, „der Orgelflug
der Schwäne“, alles verbunden durch ein Rau­schen – durchaus geräuschvoll – als ob
etwas durch uns selbst hindurchrauschte. Mitten durch uns hin­durch. Als ob es in
diesem Leben gar nicht um uns ginge, son­dern darum, dass wir es zulassen, wenn
diese „größeren Dinge“ durch uns hindurch brausen. Geistbraus. „Eine Stimme leise
ver­schwe­benden Schweigens.“ Schweigt denn eine Grille? Nein, nicht so, wie wir uns
das Schweigen wörtlich denken. Sie zirpt, so nennt man es in unserer Sprache, und
das kann recht laut sein. Und das Schweigen? – Ist dazwischen, zwischen dem

Z i r p e n. Dort sind die Stille und das Licht, und weil sie ins Große reichen, bauen
sie das Lied, mit dem du nicht vergehst.

Das Lied, in dem du uns aus deinem Leben erzählst.

Louis Lau, 12. Februar 2015