Strahlung

Die Leute meinen immer, Gedichte
Werden aus Worten gemacht
Und sind nichts weiter als Lebensberichte,
In Reim und Rhythmus gebracht.
Dabei sind Gedichte unsichtbare Wesen,
An die wir manchmal streifen.
Was wir mit unseren Augen lesen
Ist nicht mehr, als was wir begreifen
Von einem Rätsel, das Strahlung heißt
Und ewig bewegt ist in sich
Und das uns aus unseren Bahnen reißt
Und schleudert dich gegen mich.
Was sind schon Worte? Worte sind leicht.
Das Leichteste auf der Welt.
Und mit Worten allein hat noch keiner erreicht,
Dass die Zeit in den Raum einfällt
Und stehen bleibt und geht nicht mehr
Vor und nicht mehr zurück.
Gedichte sind Antimaterie. Schwer.
Monolithisch. Wie der Tod. Wie das Glück.

Eva Strittmatter

 

Du meinst doch auch
Dass deine Lebenserzählung aus Worten gemacht ist
Aus nichts anderem als aus Worten
Aus was soll sie denn sonst sein
Fragst du, und nicht einmal rhythmisch
Geschweige denn gereimt…

Ja, ja, sagst du, ich weiß schon
Mit den Worten kommt etwas mit
Etwas anderes, als ob Worte Häuser seien

Und du könntest nun die Architektur
Und die Farben und die Aussicht

Und den Charakter dieses Worthauses fühlen.

Jedes Wort ein ganzes Haus
Mit einer eigenen Geschichte.

Aber woher kommen dir diese Worte
Und woher kamen dir die Erlebnisse
Die du nun in Worte kleidest…

Magst du dich einlassen auf so ein Wort wie Strahlung
Das die Dichterin fand
Und was hätte da in deinem Haus gestrahlt…

Das Licht, das du bist!

Und das soll ich glauben?

Louis Lau, 15. Februar 2015